Herausgerissene Seiten und geschwärzte Passagen

Was ist dran am Klischee der juristischen Ellbogengesellschaft?

Vorurteile über Juristen gibt es ja einige. Die meisten dieser Klischees halten sich seit Generationen wacker. So auch das Gerücht, dass Juristen untereinander einen äußerst asozialen Umgang pflegen und vor allem eins gegenüber Gleichgesinnten sind, nämlich äußerst missgünstig.

Beginnen soll dieses Verhalten bereits während des Studiums: Es heißt, dass gerade in der Zeit von Klausuren und Hausarbeiten relevante Literatur in der Bibliothek plötzlich unauffindbar ist oder aus wichtigen Büchern ganze Seiten herausgerissen und Passagen geschwärzt werden. Darüber hinaus sei die juristische Bibliothek sowieso ein einziger Catwalk. Die Kommilitonen beäugen sich gegenseitig kritisch. Wer trägt die schicksten Klamotten, welche teure Handtasche wird mit in die Uni genommen und wer hat sich bereits diese neuen angesagten Schuhe gekauft? Hält man diesen Anforderungen an Aussehen und Stil eines typischen Jurastudenten nicht stand, wird natürlich schnell mal getratscht. Die schlechten Charaktereigenschaften eines Juristen zeigen sich natürlich auch, wenn es um die Vergabe von Noten geht. Hierbei möchte jeder der Beste sein, das Prädikat im Examen ist das Ziel. Deshalb ist es nur schwer zu verkraften, wenn doch mal jemand bessere Noten schreibt als man selbst. Sich füreinander freuen können Juristen nämlich angeblich nicht. Ganz im Gegenteil, man begegnet sich gegenüber äußerst neidvoll, den Kommilitonen wird nichts gegönnt. Glaubt man dem Mythos, ist sich im Jurastudium also jeder selbst der Nächste.

Doch was ist eigentlich dran an dem Ganzen? Ist der Umgang angehender Juristen untereinander tatsächlich so schlecht und geprägt von Missgunst? Ist man auf seinem Weg von der Immatrikulation bis hin zur Examensfeier und darüber hinaus tatsächlich ein Einzelkämpfer in der Welt der juristischen Ellbogengesellschaft?

Dem soll mit diesem Artikel, zumindest für die Zeit des Studiums, einmal auf den Grund gegangen werden. Hierzu berichte ich aus meinen eigenen Erfahrungen, die ich an der Universität gemacht habe.

Die Bibliothek der juristischen Fakultät ist während der Lernphase und in den Semesterferien, wenn Hausarbeiten geschrieben werden, bei uns immer brechend voll. Dementsprechend kommt es tatsächlich häufig vor, dass wichtige Bücher, zumindest in der aktuellen Auflage, nicht auffindbar sind. Meist jedoch aus dem einfachen Grund, dass gerade jemand anderes an seinem Platz mit dem Buch arbeitet oder dieses ausgeliehen hat. Was ich jedoch auch das ein oder andere Mal beobachtet habe, ist, dass die Bücher am Abend nicht an ihren Platz zurückgeräumt, sondern stapelweise in einem anderen Regal gebunkert werden. Immerhin ist man morgen ja so oder so wieder in der Bib und spart sich dann die Arbeit, die Literatur erneut zusammen zu suchen. Das nervt natürlich und ist nicht gerade kollegial, tagelang ein Buch für sich zu beanspruchen. Der Mythos von herausgerissenen Seiten oder geschwärzten Passagen hingegen ist mir während des ganzen Studiums nicht begegnet. Wie sinnvoll so etwas heutzutage auch noch sein soll, wo die meiste juristische Literatur ohnehin online abrufbar ist, kann dahinstehen. Tatsächlich habe ich vielmehr die Erfahrung machen dürfen, dass man sich gerade während des Schreibens von Hausarbeiten, gegenseitig geholfen anstatt Steine in den Weg gelegt hat. Man hat sich auf wichtige Aufsätze oder ähnliche Fälle in Fallbüchern hingewiesen, anstatt diese möglichst voreinander zu verstecken.

Das Verhalten wiederum, dass sich Jurastudenten in der Bibliothek oder der Vorlesung gegenseitig kritisch beäugen und man sich deshalb das ein oder andere Mal bereits überlegt hat, was man in der Uni anzieht, kann ich, zumindest für die ersten Semester, bestätigen. Aber ist es nicht irgendwo auch normal, dass man, wenn man neu an die Universität kommt, erstmal seine Kommilitonen abcheckt? Da wird eben ab und zu auch mal übereinander geredet. Dass dieses gegenseitige Beäugen bei Juristen extremer sein soll als bei anderen Studiengängen, kann ich nicht beurteilen; zumindest die BWLer sollen uns hierbei angeblich jedoch in Nichts nachstehen. 😉 Was ich jedoch aus eigener Erfahrung sicher sagen kann, ist, dass sich dieses kritische Verhalten untereinander nach den ersten Semestern legt. Nach einiger Zeit interessiert es auch den Juristen nicht mehr, welche fancy Klamotten seine Kommilitonen tragen oder eben nicht tragen. Irgendwann kennt man die meisten Gesichter und es hat sich ausgetratscht. Dass man sich aufgrund dieses Geredes jedoch untereinander tatsächlich bösartig begegnet ist oder sich unwohl fühlen musste, habe ich bei mir im Semester nicht erlebt.

Und wie sieht es zuletzt noch aus mit dem sich füreinander freuen und dem anderen etwas gönnen können während des Studiums? Gerade bei uns Juristen ist der Notendruck im Examen äußerst hoch. Viele renommierte Arbeitgeber verlangen ein Prädikat oder die Bewerbung wird gnadenlos aussortiert, egal was der Bewerber vielleicht sonst noch zu bieten hat. Dementsprechend sind hohe Punktzahlen im Jurastudium für die meisten sehr wichtig, weshalb es auch umso schwerer fällt, sich mit anderen über hohe Punktzahlen zu freuen, wenn man gar selbst durch eine Klausur durchgefallen ist oder nur schlecht abgeschnitten hat. Allerdings ist solch ein Verhalten doch nur menschlich. Man muss lernen, ab und zu auch mit Niederlagen umzugehen ohne dabei missgünstig gegenüber anderen zu reagieren. Vielleicht sind Juristen tatsächlich neidvoller untereinander, dies ist dann jedoch meines Erachtens nach vor allem dem hohen Notendruck im Examen geschuldet.

Insgesamt kann ich das Vorurteil, dass Juristen untereinander einen äußerst schlechten Umgang pflegen, nicht bestätigen. Ganz im Gegenteil, ich habe während des Studiums einiges an Zusammenhalt erfahren dürfen. Ich habe viele nette und hilfsbereite Menschen kennengelernt, meine Freunde und ich haben uns gemeinsam über gute Noten gefreut und bei schlechten Noten ist man miteinander einen Wein trinken gegangen, man hat Lern- und Literaturtipps ausgetauscht und sich gegenseitig bei Falllösungen geholfen. Natürlich gibt es hiervon immer mal wieder Ausnahmen; jeder ist doch ab und zu neidisch auf die Noten eines anderen, beäugt seine Kommilitonen und lästert vielleicht auch mal. Letztendlich ist es auch wahr, dass sich jeder Jurist selbst der Nächste ist und dies auch sein muss. Die Examensklausuren schreibt immerhin jeder für sich allein und vom Prädikat der besten Freunde kann man selbst nicht profitieren. Aber ist dies nicht in jedem anderen Studiengang genauso? Meiner Meinung nach kann man dies nicht als typisches Juristen-Klischee verzeichnen. Denn gerade in der Zeit der Examensvorbereitung war ich äußerst positiv überrascht davon, wie man auch mit bisher noch fremden Kommilitonen zusammengewachsen ist. Man bildete Lerngruppen oder hat sich in der Kaffeepause über Probleme ausgetauscht; man wurde sozusagen zu einer „Leidensgemeinschaft“. Denn kein Nicht-Jurastudent kann diese Phase des Studiums so gut nachvollziehen, wie die eigenen Kommilitonen, die auch monatelang nichts anderes als die Bibliothek von innen sehen. Und dabei interessiert es dann auch wirklich niemanden mehr, ob man die letzten Semester eine Louis Vuitton oder einen Jutebeutel mit in die Vorlesungen geschleppt hat.

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