Von Frustration und Motivation

Ein Erfahrungsbericht über das Gefühlschaos während der Examensvorbereitung

Der Endgegner im Jurastudium heißt für die Studenten Erste Juristische Staatsprüfung. Um diese zu bezwingen, bedarf es neben einer intensiven monatelangen Vorbereitung vor allem starker Nerven. Diese zu behalten fällt mit näherndem Examenstermin immer schwerer…ein Erfahrungsbericht:

In den ersten Semestern machen sich die meisten Studenten – so wie auch ich –  wenige bis gar keine Gedanken um das erst in einigen Jahren anstehende Examen. Das Grundstudium ist vergleichsweise locker. Die Noten müssen nur zum Bestehen reichen. Man lernt, was man eben in diesem einen Semester in den besuchten Vorlesungen durchgenommen hat. Die Stofffülle ist überschaubar. Dass das Jurastudium kein Spaziergang wird, hat mich dann zum ersten Mal die Zwischenprüfung gelehrt. Hier wurde bei uns an der Uni ordentlich aussortiert. Das Prüfungsniveau stieg, die Notendurchschnitte sanken. Die ersten Kommilitonen brachen – freiwillig oder gezwungenermaßen – das Jurastudium ab.

Auf die Zwischenprüfung folgten meines Erachtens nach wieder entspanntere Semester. Die großen Übungen standen auf dem Plan. Viel zu tun gab es zwar immer dank der ständigen Klausuren während der Vorlesungszeit sowie der Praktika und Hausarbeiten in den Ferien; auch der universitäre Schwerpunkt war noch zu absolvieren.  Jedoch war mir auch hier immer noch nicht richtig bewusst, wofür ich eigentlich so fleißig die ganze Zeit über meine Scheine sammelte, welcher Hammer da am Ende noch auf mich wartete.
Vielleicht kann man mich deshalb auch als besonders naiv bezeichnen, aber so zogen die Semester ins Land bis ich schließlich nahezu scheinfrei war und mich dazu entschloss, mit der intensiven Examensvorbereitung zu starten.
Mein Plan hierfür: Ein Jahr lang ein Repetitorium besuchen, anschließend noch ein halbes Jahr selbstständig lernen und sodann den Freischuss schreiben.

Diese 1,5 Jahre sollten es in sich haben…

Denn jeden Monat, den dieser gesetzte Examenstermin näher rückte, stiegen bei mir der Druck, die Anspannung und auch die Unsicherheit. Sowieso war mir bereits nach der ersten Woche des Repetitoriums schlagartig bewusst, worauf ich mich da nun eingelassen hatte. Unsere Übungsleiter machten uns unmissverständlich klar, was es bedeuten sollte, ein Staatsexamen zu schreiben und was für ein Arbeitsaufwand nun auf uns zukommen würde, wenn auch zunächst noch auf eine beschönigte, motivierende Art und Weise. Dennoch stand von Anfang an auf der Agenda wöchentliches Klausuren schreiben, Vor- und Nachbereiten der Fälle, Wiederholen des bereits gelernten Stoffes. Und daran wurden wir immer wieder nachdrücklich von unseren Repetitoren erinnert. Der Druck, der von nun an auf einem lastete, war immens und wurde von Woche zu Woche größer.

Eine wesentliche Rolle spielte dabei für mich vor allem auch die schier unglaubliche Stofffülle. Seit den ersten Tagen der Examensvorbereitung hatte ich plötzlich neue Lernmaterialien im Überfluss auf meinem Schreibtisch liegen. Fälle + Lösungen, Zusammenfassungen, Schemata; der Stoff, der gelernt werden sollte, wurde mit der Zeit immer mehr statt weniger. Darüber hinaus bekam man von allen Seiten andere heiße Examenstipps an die Hand, relevante Entscheidungen und wichtige Definitionen, die man unbedingt noch wissen müsse.

Die Stofffülle kommt einem mit der Zeit schier unendlich vor, so dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht.

Und so brach schließlich die Erkenntnis über mich herein, dass ich bis zum Examen wohl niemals alles gelernt haben würde. Ich war an einem Punkt angekommen, an dem ich das Gefühl hatte, so langsam die Nerven und vor allem auch die Motivation zu verlieren. Man quält sich täglich in die Bib oder an den heimischen Schreibtisch, löst regelmäßig fünfstündige Klausuren, lernt Karteikarten ohne Ende, nimmt an Lerngruppen und Vorbereitungskursen teil. Und trotzdem hat man am Ende des Tages immer das Gefühl, nicht genug getan zu haben. Denn im Examen kann schließlich alles drankommen, der komplette Stoff muss bis dahin gebündelt sitzen. Doch was, wenn dies nicht der Fall ist? Wenn der Sachverhalt ein Problem aufwerfen sollte, von dem man überhaupt keine Ahnung hat? Die Klausuren einfach unlösbar sind, weil es an Wissen fehlt? Fragen, die mich ständig belastet haben.
Mit dieser Unsicherheit geht natürlich die große Angst vorm Durchfallen einher. Die Angst davor, dass das jahrelange Studium umsonst gewesen sein und man am Ende neben dem Abitur ohne berufsqualifizierenden Abschluss dastehen könnte.

Für meinen Freiversuch setzte ich mir deshalb irgendwann das Ziel, Hauptsache erstmal nur das Examen zu bestehen, ganz ohne Punktekampf, getreu dem Motto „4 gewinnt“. Bedenkt man, dass eine gute Note oftmals das ausschlaggebende Kriterium für potenzielle Arbeitgeber bei der Einstellung ist, ist dies aber sicher nicht die empfehlenswerteste Lösung, die es zu verfolgen gilt. Mir nahm es jedoch innerlich zumindest kurzzeitig etwas den Druck. Darüber hinaus versuchte ich mich vor allem auch damit zu beruhigen, dass ich nun drei Versuche vor mir haben würde. Da sollte es irgendwann doch schon klappen. Insbesondere, wenn man sich auch mal in Erinnerung ruft, was man bereits in der Vergangenheit alles geschafft hat, wie man überhaupt bis zu diesem Punkt des Studiums gekommen ist und welchen Lernaufwand man bereits betrieben hat. Der Blick in die Vergangenheit brachte mir einen neuen Motivationsschub.

Nichtsdestotrotz, das negative Gedankenkarussell ließ sich einfach nicht mehr gänzlich abstellen.

Egal wie oft man sich selbst oder andere einem gut zuredeten. Ich konnte diese Sprüche wie „Du hast doch schon so viel gelernt“ oder „Das haben schon ganz andere vor dir geschafft“ auch einfach irgendwann nicht mehr hören. Dies mochte ja sicherlich der Wahrheit entsprechen, doch können Außenstehende überhaupt nachvollziehen, was man gerade durchmacht? Diese Dauerbelastung, die einen nicht nur psychisch quält, sondern meist auch zu körperlichen Problemen führt: Rückenschmerzen, schlechtere Sehkraft, ein empfindlicher Magen. Bei mir setzten wieder regelmäßige Migräneattacken ein.

Erschwerend hinzu kam für mich die gesellschaftliche Isolation.

Ich hatte in dem letzten halben Jahr vor dem Examen das Gefühl, dass mein Leben nur noch vom Lernen bestimmt wurde. Mich hat es zwar nie richtig gestört, fünf Tage die Woche in die Bibliothek zu gehen, samstags noch eine Klausur an der Uni zu schreiben und sonntags dann nochmal Karteikarten zu wiederholen. Das war eben mein Alltag, mein Job. Bei jedem normalen Job macht man jedoch irgendwann Feierabend und hat Freizeit. Mir machte der Feierabend allerdings nichts Anderes als ein schlechtes Gewissen. Ich konnte die Zeit, die ich mir frei nahm, einfach nicht mehr genießen. Mir war es nicht mehr möglich, vom Lernen abzuschalten. Größere Freizeitaktivitäten, Partys oder Ausflüge reduzierte ich auf ein Minimum bzw. in der ganz heißen Phase komplett. Ich schloss mich von der Gesellschaft aus und arbeitete nur noch auf das Examen hin. Meine einzigen Highlights waren jeden Tag die Mittags- und Kaffeepause mit meinen Kommilitonen.

In den letzten Wochen vor dem Prüfungstermin stellte sich dann ein Wechselbad der Gefühle ein.

Oft weinte ich abends alleine zuhause aus Erschöpfung und Angst, dann war mir auf einmal wieder alles egal und im nächsten Moment war ich mir sicher, dass ich das Examen schon meistern würde. Denn Aufgeben war für mich nie eine Option. Ich habe tatsächlich keinen Tag darüber nachgedacht, meinen Examenstermin zu verschieben. Ich wollte diesen Freischuss nutzen und musste deshalb Vollgas geben. Das war mir bewusst, auch an Tagen, an denen es mir verdammt schlecht ging, ich mich nur komplett ausgelaugt fühlte.
Und dann waren sie da, die Tage vor dem Prüfungstermin, die man nur noch an einer Hand abzählen konnte. Während ich noch versuchte, mir in letzter Minute die angeblich so heißen Examenstipps anzuschauen, erreichten mich Päckchen und Briefe von Familie und guten Freunden, die mir neben Traubenzucker und Glücksbringern, Ermutigung und ihr Vertrauen zuschickten. Ich heulte bei jeder einzelnen Post und jeden Abend im Bett. Emotional war ich so langsam anscheinend am Ende, psychisch labil ist wohl der richtige Ausdruck dafür. Neben dem Gefühlschaos quälte mich nun auch ein nervöser Magen und jede Nacht träumte ich bereits von der Prüfung.

So nervös wie ich war, so sehr wollte ich mittlerweile auch, dass es nun endlich losgehen sollte.

Denn da war innerlich auch eine Spannung vorhanden, was nun tatsächlich auf mich zukommen würde. Wie wird die Atmosphäre im Prüfungsraum sein? Werde ich abliefern können? Spielen Hand und Kopf die sechs Tage mit? Und vor allem, wie wird das Gefühl danach sein? Der Moment, wenn die letzte Klausur geschrieben ist?
Schaue ich auf die Tage der Klausuren zurück, war tatsächlich alles nur halb so schlimm, wie ich es mir immer vorgestellt oder etliche Male geträumt hatte. Auch meine Nervosität und die Anspannung lösten sich schnell auf. Irgendwie flogen die Klausurtage so dahin.
Am letzten Prüfungstag zählte für die meisten von uns sowieso nur noch eines, nämlich, dass es nun endlich vorbei sein würde. Mir persönlich war an diesem Tag egal, was für eine Note mich in ein paar Monaten erwarten würde. Ich wollte nur noch die letzten fünf Stunden hinter mich bringen und dann ausgelassen feiern. Der Moment, in dem wir dann alle das letzte Mal unsere Stifte weglegen sollten, war für mich der Befreiungsschlag. Ich hatte es geschafft.
Es bleibt für mich wohl immer unvergessen, wie ich den Prüfungsraum verlassen habe und von meinen Freunden mit Glückwünschen und Sekt empfangen wurde. Das war für mich der beste Tag des ganzen Jurastudiums. Der Tag, für den sich auch der lange und anstrengende Weg der Examensvorbereitung gelohnt hatte.

Rückblickend betrachtet kann ich sagen, dass ein Studium, an dessen Ende ein Staatsexamen über Sein oder Nichtsein entscheidet, eine langanhaltende psychische Dauerbelastung bedeutet.

Und zwar für jeden einzelnen. Manche können damit besser umgehen, andere leider nur sehr schlecht. Es gibt einige Extremfälle, die dem Druck in der Examensvorbereitung nicht standhalten und unter extremer Prüfungsangst leiden. Ich kenne genügend, die ihren Prüfungstermin aus diesen Gründen immer wieder nach hinten verschieben und sich nicht trauen, endlich zum Examen anzutreten. Daneben gibt es allerdings auch einen gewissen Teil an Studenten, die total entspannt durch die Examensvorbereitung gehen. Die vielleicht nicht so viel lernen müssen, da sie juristische Zusammenhänge schneller verstehen und bessere Noten schreiben oder die insgesamt einfach lockere Typen sind. Auch ich würde von mir behaupten, dass es mir in der Examensvorbereitung – zumindest bis drei Monate vor dem Prüfungstermin – vergleichsweise gut ging. Wie schon erwähnt, hat es mir unglaublich geholfen, dass ich auf einen festen Termin hingearbeitet habe, der für mich nicht variabel war. Darüber hinaus habe ich mich an Tagen, an denen ich einfach nur verzweifelt war, entweder in eine Egal-Einstellung geflüchtet oder mir eingeredet, dass es machbar ist und ich am nächsten Tag einfach nur wieder richtig angreifen muss. Positive Gedanken ziehen immerhin oftmals auch positive Ereignisse nach sich. Ich habe gelernt, dass man in der Examensvorbereitung einmal öfter wieder aufstehen muss als umfallen, dass man auf sich und seinen Körper hören sollte, man sich nicht zu sehr isolieren darf und Pausen und Auszeiten vom Lernen unglaublich wichtig sind.

Deshalb an alle, die gerade vor ihrem Examen stehen: Lasst euch nicht unterkriegen, das haben auch schon ganz andere vor euch geschafft! 😉

 

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