Nach den ersten 100 Tagen

Fachinterview mit Falk Schornstheimer: Coach und HR-Berater (lawyer-coaching.de)

Die ersten 100 Tage im Amt bleibt sogar der US-Präsident von der Kritik der Medien verschont. Im Job gelten für Praktikanten und Aushilfen, für Referendare und Berufseinsteiger die ersten 100 Tage ebenfalls strikt als Einarbeitungszeit. Man genießt „Welpenschutz“. Was ist aber danach? Wie findet man als Einsteiger in den Beruf? Worauf kommt es neben Fachwissen an? Werden Anforderungen hochgeschraubt, wird das Klima rauer? Und wie ist es nach dem ersten halben Jahr, wenn üblicherweise die Probezeit endet?

Wir haben uns bei fünf Associates aus fünf Kanzleien umgehört.

In dem Punkt sind sich alle einig: Der Übergang ist fließend. Einen spürbaren Schnitt nach drei oder sechs Monaten gibt es nicht. Die Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling, vom Berufseinsteiger zum „Young Professional“ ist ein fließender Übergang. Frei nach Reinhard May: Was am Anfang groß und wichtig erscheint, wird plötzlich nichtig und klein. Die Associates haben das Gefühl, mit ihren Aufgaben zu wachsen. Es kommt in dieser Zeit vor allem darauf an, Menschen und Strukturen in der Kanzlei immer besser kennenzulernen; die Verantwortung nimmt zu, damit aber auch die Freude an und Erfüllung durch die Arbeit. „Nach den ersten 100 Tagen haben sich meine Erwartungen voll und ganz erfüllt. Auch nach der Probezeit gehe ich davon aus, dass sich die vom ersten Tag an stattgefundene Einbindung in spannende Prozesse fortsetzt“, sagt Sabine Glatzmeier, die zum Zeitpunkt des Gesprächs seit fünf Monaten bei DWF Germany am Münchener Standort im Bereich M&A tätig ist. „Es finden regelmäßig Feedbackgespräche statt“, sagt sie. Man könne sich vorher noch so viele Gedanken machen und Strategien festlegen. Alles hänge schließlich davon ab, wie das Onboarding stattfinde. Das gilt übrigens auch für die unterschiedlichen Büros einer Kanzlei und selbst noch für die einzelnen Partnerpersönlichkeiten, an die man als Associate angebunden ist. In einer für Druck und ein raues Binnenklima verrufenen Kanzlei kann man Glück haben und an den einzig netten Partner geraten – wie auch umgekehrt. Schon manche vermeintliche Lifestyle-Sozietät, die modern, betont locker und hip daherkommt hat sich im Einzelfall, in Person eines einzelnen Partners, als Schock erwiesen, was Arbeitsatmosphäre und Umgangston angeht. Auch deshalb, so betonen Berufseinsteiger immer wieder, ist es so wichtig, das zukünftige Team und den Chef möglichst persönlich kennenzulernen. Team ist nicht alles, aber ohne gutes Team ist alles nichts.

„Von Anfang an bestand eine gute Teamanbindung“, betont Dr. Sebastian Segmiller von Morrison Foerster in Berlin. „Nach und nach nimmt die Verantwortung zu. Der Umgang mit der IT wird besser, die Zusammenarbeit mit Partnern wird intensiver.“ Routine entwickelt sich, Hindernisse, die anfangs schwer bis unüberwindbar aussahen, schrumpfen wie der berühmte Scheinriese bei Jim Knopf. Und noch etwas hilft ungemein: Vorerfahrung. Das betont Dr. Patrick Heinemann (Bender Harrer Krevet, Freiburg): „Ich habe schnell reingefunden, weil ich Berufserfahrung aus vorheriger Berufstätigkeit in einer mitteständischen Kanzlei mitbrachte.“ Wichtig sei für ihn vor allem der Vertrauensvorschuss gewesen, den er entgegengebracht bekam. „Ich kam sofort an Fälle ran, musste keine dumpfen Verrichtungen ausführen, sondern bekam richtig gute Arbeit und anspruchsvolle Tätigkeiten übertragen.“ Der direkte Zugang zu Partnern sei nötig, betont er. Hoch willkommen – so ein immer wiederkehrendes Statement von Berufseinsteigern – ist auch die direkte, unmittelbare Einbindung in echte Mandate und kein Trockenschwimmen. Als vollwertiger Kollege zu gelten, fachlich und persönlich für voll genommen zu werden, ein fairer Umgang miteinander, eine gute Arbeitsatmosphäre werden immer wieder als ausschlaggebend für die Berufsentscheidung genannt. Was selbstverständlich und wie eine Plattitüde klingt, ist bei weitem nicht selbstverständlich, wenn man sich unter Referendaren und Wissenschaftlichen Mitarbeitern in Kanzleien einmal umhört. Partner, die brüllen, mit Gegenständen werfen, ihre Sekretärinnen und Praktikanten zum Weinen bringen sind immer noch nicht ausgestorben. „Ich kenne auch Law Firms, wo man sich kriechend dem Partnerbüro nähert“, bestätigt Patrick Heinemann.

Wie Teamanbindung, Einarbeitung, Aufgabenverteilung und vor allem die Partneranbindung organisiert sind, variiert dabei durchaus von Kanzlei zu Kanzlei. Weit verbreitet ist ein klassisches Mentoren-Prinzip, das ähnlich funktioniert wie der Mitarbeiterstab eines Lehrstuhls an der Universität. Einzelnen Partnern und damit bestimmten Spezialgebieten (auch gelegentlich noch einmal fein ausdifferenziert innerhalb der großen Praxiszuordnungen wie z.B. Corporate, Finance, Real Estate, Litigation usw.) sind Mitarbeiter mit unterschiedlich vielen Jahren Berufserfahrung zugeordnet. Der Partner ist Ausbilder, Förderer, Mentor. Der ältere Associate ist Tutor und Ansprechpartner im Arbeitsalltag für den jüngeren. Ein anderes Modell besteht in einer Rotation. Dabei wechselt ein Junganwalt in bestimmten Abständen sowohl den Partner als auch das Rechtsgebiet. Phil Podann wertet den Umstand als großen Vorteil, dass Associates bei Kümmerlein nicht einem festen Partner zugeteilt sind. Die starre Zuordnung zu einem Rechtsgebiet gibt es nicht. Alle angestellten Anwälte arbeiten im Wechsel. Ist das nicht schwierig? „Es ist eher interessant. Man lernt viele Arbeitsweisen und Temperamente kennen und muss sich auf unterschiedliche Vorlieben einstellen. Ich sehe darin eher eine Chance.“ Philipp Lohs von White & Case sieht ebenfalls in der Vielfalt der internen Kontakte den entscheidenden Unterschied zur Anwaltsstation. „Sehr schnell wächst mit dem Berufseinstieg die Verantwortung. Man lernt unterschiedliche Verantwortungsträger in der Kanzlei kennen und arbeitet mit ihnen zusammen. Wenn das gut läuft, kommt man automatisch an immer neue Aufgaben und Jobs und muss mit mehr Bällen in der Luft jonglieren.“ Mit der steigenden Verantwortung nehme spürbar das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten zu – man fühlt, ob es läuft oder nicht.

Die richtige Kanzlei finden

Wie kamen die Junganwälte überhaupt zu ihren Kanzleien? Ist nicht die Vielfalt im Markt erschreckend groß, so dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht? Eine so folgenreiche Sache wie die Berufswahl sollte ja wohl nicht gerade auf Zufall beruhen. „Meine Kriterien waren klar“, versichert Segmiller. „Ich wollte zu einer Großkanzlei und suchte die internationale Anbindung. Die enge Verbindung mit den US-Büros und die Themenvielfalt bei Morrison Foerster kommen mir entgegen; ein so breites Spektrum hätte ich anderswo nicht gehabt.“ Bei Phil Podann kamen mehrere Motive zusammen. „Ich habe mich nur bei Kümmerlein beworben, es war eine sehr bewusste Entscheidung. Im Referendariat hatte ich mir Hengeler Mueller in Düsseldorf angesehen und zum Vergleich eine kleinere Einheit von etwa 15 Rechtsanwälten. Dabei habe ich festgestellt, dass ich einen Mittelweg bevorzuge. Kümmerlein als mittelständische Kanzlei ist genau das. Dazu kam, dass mich gereizt hat, was ich konkret im Vorstellungsgespräch erfahren habe. Die nicht so starre Zuordnung hat mich überzeugt. Ich wollte keinesfalls nur an einen Partner und ein festes Rechtsgebiet angebunden sein, da mir Überblick wichtig ist. Und last but not least wollte ich aus persönlichen Gründen auch in Essen sein. „Warum DWF?“, wiederholt Sabine Glatzmeier unsere Frage laut. „Das Team hat den Ausschlag gegeben. Ich hatte den Eindruck, dass alle offen und ehrlich miteinander umgehen. Interne Kommunikation spielt immer eine große Rolle. Mein erster Eindruck war sofort: das kann ich mir sehr gut vorstellen.“ Den wichtigsten Tipp, den Patrick Heinemann für die richtige Wahl geben kann, lautet, nicht das erstbeste Angebot anzunehmen und nicht nur aufs Geld zu schielen. Wichtig sei vor allem die Tatsache, dass die Chemie zwischen Chef und Mitarbeiter stimme. Hier gebe es auch innerhalb ein- und derselben Kanzlei erhebliche Unterschiede unter den Charakteren. Insofern sind für den persönlichen Wohlfühlfaktor nicht nur die allgemeine Kultur und Atmosphäre in einer Kanzlei maßgeblich siehe oben!).

Wo liegen die Unterschiede der Festanstellung zu Referendariat, Nebentätigkeit, Praktikum usw.?

Welche tatsächlichen Herausforderungen bringt der echte, richtige Job mit sich. Wie „geht“ der Beruf Rechtsanwalt? Die größte Umstellung ist jene weg von der wenig teamgebundenen Arbeit, zum Beispiel als wissenschaftlicher Mitarbeiter während der Promotion, beschreibt Segmiller seine Erfahrungen. Es brauchte dabei keine umfangreichen Abstimmungen, man sah sich eher Einzelaufgaben gegenüber. „Jetzt, in der Kanzlei, bin ich eng in Teams eingebunden“, erzählt er. „Unterschiedlichster inhaltlicher Input – sowohl von innen, als auch von außen – muss verwertet und im Team abgestimmt werden.“ Nach einem erfolgreichen Studium und dem Gefühl, fachlich eigentlich schon ziemlich gut zu sein, müsse man sich erst daran gewöhnen, dass viele Arbeitsergebnisse nochmal umgedreht werden. Selbst vermeintlich einfache Mails würden unter Umständen mehrfach gedreht und gewendet. Als tolles Gefühl beschreibt Phil Podann den ersten Mandantenkontakt. „Das ist mir sehr positiv in Erinnerung. Die ersten selbstständigen Telefonate und E-Mails, die Verantwortung übertragen zu bekommen, die Befriedigung, wenn die eigenen Schriftsätze weitgehend übernommen werden – das ist einfach eine tolle Bestätigung und zeigt: fachlich stimmt es, geht es in die richtige Richtung.“ Aber auch er gibt zu, dass der Einstieg in die Fünftagewoche nach dem Studium natürlich erst einmal eine Umstellung war, die viel Selbstorganisation erforderte.

Highlights und Hürden

Was ist eigentlich die größere Herausforderung? Die ersten 100 Tage zu überleben oder die Zeit danach, wenn schon Routine eingekehrt ist, aber auch die Erwartungen gestiegen sind? Mit anderen Worten: wird es schwerer oder leichter mit der Zeit – so wie für Bands das zweite Album bekanntlich das schwierigere ist. „Ganz klar wird es leichter mit der zunehmenden Routine“, ist sich White & Case-Anwalt Philipp Lohs sicher. „Wenn die eigene Arbeit nachgefragt wird und von Nutzen ist, dann wird man sicherer, dann macht es eine Ecke mehr Spaß.“ Für Sabine Glatzmeier war die Hilfsbereitschaft der Kollegen eine gute Einstiegshilfe. „Hier sind die Türen offen! Ich erhalte viel Support, bekomme Feedback und wurde bisher nie vertröstet. Sicherlich erhält man bereits zu Beginn viel Verantwortung, doch an diesen mitunter sehr unterschiedlichen Herausforderung, gewinnt man zum einen Erfahrungen und zum anderen viel Vertrauen von dem Team.“, fasst Glatzmeier zusammen. Eine besondere Herausforderung, an die man sich als Anfänger erst gewöhnen muss, seien aber in der Tat die Mandanten: „Man muss sich auf jeden Tag individuell vorbereiten“, resümiert sie. „Es gilt, sich auf die individuellen Fragestellungen der Mandanten und deren geschäftliches Umfeld vorzubereiten und einzustellen. Das lernt man eben nicht an der Universität – auf die individuelle Beratung der Mandanten richtig einzugehen.“ Das eine große Highlight ist für Phil Podann nicht entscheidend für ein Gefühl der beruflichen Erfüllung. „Es sind eher die kleinen Erfolge im Berufsalltag, die den Kick geben. Wenn man etwa feststellt, dass der Richter die eigene Klageerwiderung in seine Urteilsbegründung eingebaut hat.“ Erstaunlich ist: Jeder ist zufrieden mit seiner Entscheidung und kann diese plausibel begründen. Ob mittelständische Kanzlei im Ruhrgebiet oder Baden, US-Kanzlei in Berlin oder Frankfurt oder britische Law Firm aus Manchester mit Büro in München – seine Wahl bereut keiner unser Gesprächspartner. Die Entscheidungen waren jeweils wohl überlegt und das Argument des guten Gefühls, das man hatte, wichtiger als finanzielle Erwägungen.

Und eines ist auch klar: so notwendig sehr gute Rechtskenntnisse für den Job sind, hinreichend sind sie nicht. Ohne persönliche Stärken, soft skills, kommt man nicht weit im Kanzleialltag. Offenheit, kommunikativ sein, mit unterschiedlichen Charakteren auskommen können, ist für Phil Podann das Entscheidende. „Man darf keine Scheu haben, auf Leute zuzugehen, Themen anzusprechen sich proaktiv einzubringen“, unterstreicht Sebastian Segmiller. Ausdauer, „die man schon beim Jura-Studium aufbauen muss, weil es alles in allem ein langer, steiniger Weg ist“, gehört für Patrick Heinemann neben schneller Auffassungsgabe zu den Essentials. Sabine Glatzmeier betont die Wichtigkeit, offen und ehrlich zu sein. Man müsse in der Lage sein, Probleme direkt zu anzusprechen – selbstverständlich immer professionell und freundlich. In diese Richtung zielt auch Philipp Lohs mit seiner Einschätzung, dass es wichtig sei, ein guter, interessanter Gesprächspartner zu sein. Man müsse dazu auch rechts und links des Schreibtischs, außerhalb des Juristischen Erfahrung sammeln. Offen und ehrlich gelte es zu kommunizieren, statt taktisch. Und für die Tätigkeit in einer US-Kanzlei gilt die Binsenweisheit: Keine Scheu vorm Englischreden – ob am Telefon oder auf Kanzleitreffen. Auch Small Talk darf nicht zu kurz kommen.

Dieser und noch weitere spannende Fachbeiträge, Arbeitgeberinterviews & Erfahrungsberichte findet ihr in der neuen Ausgabe des Karriere-Handbuchs 2018/2019.

Lesen lohnt sich! 😉

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