Das Juraexamen: 11 Tage – 6 Klausuren – 1 Ziel

Wir hören vom ersten Tag unseres Studiums davon und es ist das große Ziel, auf das all die Stunden in Vorlesungen und in der Bibliothek hinauslaufen: Das Examen.

Doch was erwartet uns wirklich in den zwei Wochen Examen? Ich habe in diesem Herbst mein Examen in Tübingen geschrieben und werde in diesem Beitrag meine Erfahrungen mit euch teilen.

Vom Studenten zur Kennzahl

Das Examen beginnt an einem Montag. Laut Bekanntgabe im Internet erfolgt die Vergabe der Kennziffern und die offizielle Eröffnung des Examens um 8:30 Uhr. Zur Sicherheit gehe ich schon gegen 8:00 Uhr zum Hörsaal, man kann ja nie wissen. Als ich ankomme sehe ich, dass ich mit dieser Einstellung nicht allein bin. Und tatsächlich: Bereits um 8:20 Uhr öffnen sich die Türen zu den Hörsälen. Als ich kurz überlege, ob mein Nachname in den Bereich „A – M“ oder doch „N – Z“ gehört, merke ich wie nervös ich bin! Nachdem diese erste kleine Hürde gemeistert ist, stehe ich im richtigen Hörsaal in einer Schlange und warte. Ein Blick in die Runde verrät mir, dass ich mit meiner etwas unnötigen Nervosität nicht allein bin. Auch wenn einige noch die Ruhe in Person sind, kann ich auch sehen, dass andere genauso nervös sind wie ich. Die Schlange bewegt sich weiter und schon bin ich dran. Ich zeige meinen Studentenausweis und erhalte einen Zettel, auf dem eine Nummer steht, meine Identität für die nächsten elf Tage. Von jetzt an bin ich nur noch eine Kennzahl. Gegen 8:45 Uhr füllt sich der Hörsaal für die Eröffnung des Examens und die Bekanntgabe der Räume, in denen geschrieben wird. Der Saal ist voll und laut. Während die einen angeregt über EBV und Co. diskutieren, scheint für die anderen die Frage wichtiger, in welchem Raum sie wohl schreiben werden. Dann ist es 9:00 Uhr, ein freundlich aussehender Mann betritt die Bühne und es kehrt augenblicklich Ruhe im Hörsaal ein. Ganz typisch für Juristen folgt eine große Ansprache über die Bedeutung des Examens gefolgt von der offiziellen Eröffnung. Im Anschluss folgen noch ein paar Hinweise zum Ablauf des Examens. Besonders die Anmerkung, dass keine Dönerboxen oder Pizzen mit in die Klausuren gebracht werden dürfen trägt zur allgemeinen Erheiterung bei und lässt bei mir die Frage aufkommen, ob der Hinweis zur Belustigung oder aus Erfahrung erfolgt. Nach circa 10 Minuten ist die Ansprache beendet und wir erhalten erneut einen Zettel, der uns verrät in welchem Gebäude und welchem Raum wir schreiben werden. Und schon ist das Examen eröffnet. Es war viel unspektakulärer als erwartet, aber der erste Teil ist geschafft und die Nervosität hat sich auch etwas gelegt.

Juristen auf Reisen

Nachdem auch der letzte seine Kennziffer auf dem Zettel entdeckt und gegoogelt hat, wo sich dieses Gebäude befindet beginnt die große Wanderung zu den Räumen. In dieser Situation will kaum einer etwas dem Zufall überlassen und so begeben sich fast alle zu den Räumen, in denen sie in den nächsten zwei Wochen ihre Klausuren schreiben werden. Bei meinem Weg durch die Stadt sehe ich überall Examenskandidaten, die durch Fenster spähen und hoffen, dass ihr Raum schon offen ist, um sich diesen genau ansehen zu können. Dies ist nicht in allen Räumen möglich, aber ich habe Glück und so nutze ich die Gelegenheit, um mich mit dem Raum vertraut zu machen. Ich bin zufrieden, der Raum ist hell und hat Fenster, nicht optimal ist die Baustelle vor der Tür, aber die letzten Monate in der Bibliothek haben mich an Schlimmeres gewöhnt, also sollte auch das kein Problem sein. Nach der Raumbesichtigung verteilt sich die Menge und die Meisten gehen nach Hause. So geht der erste Examenstag auch schon zu Ende.

Lasset die Spiele beginnen

Mein Wecker klingelt um 6:00 Uhr, damit bleibt mir ausreichend Zeit zum wach werden und für ein ausgiebiges Frühstück, ganz ohne Karteikarten oder Skripte. Kurz vor acht treffe ich mich mit meiner Mitfahrgelegenheit für die nächsten zwei Wochen und wir fahren zur Klausur. Die Fahrt ist kurz und geprägt von nervösem Schweigen. Im Klausurraum angekommen folgt das Auspacken der Koffer. Nicht nur bei mir kommen aus dem Koffer nicht unerhebliche Mengen an Essen und ich frage mich insgeheim, wer das alles essen soll und vor allem wann, aber wieder gilt: Man kann ja nie wissen. Der Platz ist eingerichtet, das Reinschriftpapier ist mit der Kennziffer versehen, die Gesetze sind ausgepackt, es kann losgehen. Kurz vor Beginn der Bearbeitungszeit erfolgt eine erneute Aufklärung und dann wird auch schon der Sachverhalt verteilt. Pünktlich 8:30 Uhr beginnt die Bearbeitungszeit. Die fünf Stunden vergehen wie im Flug und schon ist die erste Klausur vorbei und wir haben einen Tag Pause. Wieder stellt sich die Frage entspannen oder lernen. Ich entscheide mich für ein moderates Lernen von wenigen Stunden für das gute Gefühl. Schneller als uns lieb ist, ist die Pause vorbei und die Klausuren zwei und drei stehen vor der Tür. Am zweiten Klausurtag hat eine Kommilitonin ihre Uhr vergessen. In dieser Situation zeigt sich, dass uns die Aufsichtspersonen wohlgesonnen sind und nach ein bisschen suchen findet sich eine Aufsichtsperson mit einer Armbanduhr, die sie ohne zu zögern abgibt. Der Tag ist gerettet. So vergehen auch diese Klausuren und es ist Wochenende. Zeit zum Durchatmen und um sich seelisch und moralisch auf Ö-Recht und Strafrecht vorzubereiten.

Der Endspurt

Die zweite Woche beginnt mit zwei Klausuren am Montag und Dienstag. Die allgemeine Stimmung in nicht mehr so gut wie in der ersten Woche. Alle sind erschöpft, die Augenringe sind über das Wochenende nicht kleiner geworden und die Stimmung vor und nach den letzten drei Klausuren ist geprägt von einem allgemeinen Schweigen. In der ersten Stunde der vierten Klausur vernehme ich einen Feueralarm und nachdem ich mit dem Sachverhalt nicht so richtig warm werde, keimt kurz Hoffnung in mir auf, dass die Klausur abgebrochen wird. Nachdem aber niemand auf den Alarm reagiert und er auch sehr schnell wieder verstummt füge ich mich in mein Schicksal und setze meine Bearbeitung fort. Ein weiterer Zwischenfall am fünften Klausurtag – Stromausfall. Plötzlich sitzen wir im Dunkeln. Für meinen Raum ist das nicht besonders dramatisch, da wir genügend Fenster haben und so relativ ungestört weiterschreiben können. Nicht so viel Glück haben die Kommilitonen im fensterlosen Nachbarraum. Sie sitzen von einer Sekunde auf die nächste in völliger Dunkelheit, nichts für schwache Nerven. Glücklicherweise reagiert die Aufsicht sofort und beruhigt die Kandidaten und ermöglicht ihnen eine angemessene Schreibverlängerung, so dass auch dieser Zwischenfall ohne besonderen Einfluss auf die Klausuren überstanden wird.

Das große Finale

Die letzte Klausur. Die Kräfte sind am Limit, die Handgelenke kommen an ihre Grenzen und auf dem Plan steht Strafrecht die zumindest bei mir regelmäßig schreibintensivste Klausur, aber immerhin ist auch ein Ende in Sicht. Der Tag Pause vor der letzten Klausur war genauso nötig wie viel zu schnell vorbei. Jetzt heißt es nochmal durchhalten. Und dann ist es soweit, die Bearbeitungszeit ist beendet meine Gefühle bewegen sich irgendwo zwischen Erleichterung und Verzweiflung, denn man kann immer noch etwas schreiben, aber das Wichtigste ist, dass wir es geschafft haben und das zumindest in meinem Raum alle bis zur letzten Klausur durchgehalten haben. Ein letztes Mal alles zusammenpacken und ab in die vorübergehende Freiheit. Draußen warten Freunde und Familie mit Sekt und Blumen, einige haben sogar Tische dabei, die pragmatischeren haben ein Bügelbrett mitgebracht. Die Erleichterung ist förmlich spürbar und zumindest für den Moment denkt niemand daran, dass wir nach einer kurzen Entspannungsphase wieder am Schreibtisch sitzen, um für die mündliche Prüfung zu lernen zu der wir uns mit den letzten sechs Klausuren hoffentlich qualifiziert haben.

Fazit

Die zwei Wochen waren anstrengend und haben mich das ein oder andere Mal an meine Grenzen gebracht. Nicht umsonst ist das Examen das große Finale des Studiums. Aber es hat sich in den zwei Wochen auch gezeigt, dass wir am Ende des Tages alle in einem Boot sitzen und eine gewisse Solidarität herrscht, die sich in dem ein oder anderen aufmunternden Lächeln zeigt. Es ist hart, aber nicht unmöglich und das Gefühl danach, wenn man es hinter sich gebracht hat, ganz unabhängig von dem späteren Ergebnis, ist großartig. In diesem Sinne wünsche ich allen zukünftigen Examenskandidaten viel Erfolg und Durchhaltevermögen.

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