Von der Großstadt in die Kleinstadt

Leben auf dem Land wird immer beliebter. Viele – auch junge – Menschen wollen zurück zu ihren Wurzeln und sehnen sich nach Ruhe. Sind gestresst vom Lärm und der Hektik der Großstadt; geben sich umweltbewusst und naturverbunden. Auch ich bin zurück aufs Land gezogen, zurück in eine kleine Stadt. Jedoch der Liebe wegen. Hier kommt mein Resümee nach einem Vierteljahr:

Ich habe lange mit mir gehadert, ob ich es wirklich wagen soll. Den Schritt zurück in die Kleinstadt gehen. Mein Freund und ich haben uns Anfang des Studiums kennengelernt und viele Jahre gemeinsam in der Großstadt verbracht. Beruflich hat es ihn dann zurück in seine Heimat verschlagen…ein kleiner Ort in Schwaben, gut 400 km von meiner eigenen Heimat und 150 km von meinem Studienort entfernt. Es folgten zwei Jahre Fernbeziehung und immer wieder die Frage, ob und wann ich nachziehen würde. Die Vorstellung, zurück in eine kleine Stadt zu ziehen, war mir lange fremd. Ich bin zwar selbst als Dorfkind aufgewachsen und habe meine Studienzeit auch nicht gerade in einer Millionenstadt verbracht, aber dieses Flair einer Studentenstadt mit etlichen Cafès, Bars und Geschäften wollte ich lange Zeit nicht missen. Doch nach und nach ziehen immer mehr Freunde vom Studium fort. Verlassen die Stadt, fangen irgendwo einen neuen Job, ein neues Leben an. Und so wurde es auch für mich Zeit, eine Entscheidung zu treffen: Zurückbleiben, neue Leute kennenlernen, weiter diese Fernbeziehung führen, die bereits etliche Nerven und viel Zeit im Auto gekostet hat oder woanders neu anfangen, ebenfalls neue Leute kennenlernen und den nächsten Schritt in der Beziehung gehen. Und so kam es, dass ich meine Wohnung schweren Herzens kündigte, mich für das Referendariat in Baden-Württemberg bewarb und den Umzug Richtung Kleinstadt-Leben antrat. Eine Umstellung, definitiv; viel eher noch eine Herausforderung – jedoch sowohl im negativen als auch im positiven Sinne.

Fangen wir mit den negativen Dingen an: Was Einkaufen, Essen und Feiern angeht, ist man auf einmal ziemlich eingeschränkt. Während man sich in einer großen Stadt kaum entscheiden kann, in welchem neuen hippen Cafè man sich nach der Arbeit auf einen Matcha-Latte oder Fairtrade-Kaffee treffen will, gibt es in der Kleinstadt vielleicht ein, zwei ganz nette Läden, in denen das hippste Getränk auf der Karte jedoch lediglich ein Cappuccino mit Haselnuss-Sirup ist. Klamotten shoppe ich mittlerweile vermehrt online und wenn wir abends mal was essen gehen wollen, fahren wir fast immer in die nächste große Stadt; zum Feiern sowieso. Außer man steht auf Waikiki-Beach-Partys im Festzelt auf einem Acker, wo spätestens um 23 Uhr das erste Mal „Mr. Vain“ gespielt wird. Wer jedoch bereits als Dorfkind aufgewachsen ist und seine Teeniezeiten auf solchen Festen verbracht hat, der braucht das mit Mitte 20 definitiv nicht mehr. Zumindest geht es mir so. Doch wer vor Ort nicht weggeht, findet auch nur schwer Anschluss. Sowieso sind die meisten jungen Leute auf dem Land bereits Teil eines eingeschweißten Freundeskreises, der aus Nachbarn, Cousins und Cousinen sowie alten Schul- und Sportvereinskollegen besteht. Da ist es schwer, einen Fuß reinzubekommen. Und apropos Sportverein…ich habe bis jetzt noch keinen Platz in einem Yogakurs ergattern können. Es gibt nur ein gutes Studio vor Ort und dort sind die Kurse natürlich restlos ausgebucht. Deshalb gehe ich wieder vermehrt joggen. Denn das könnte einem nun wirklich nicht leichter gemacht werden, womit ich auch direkt zu den vielen positiven Dingen des Landlebens kommen möchte: Man ist wirklich direkt in der Natur…im Wald, am See, in den Feldern und Wiesen. Egal ob zum Laufen, Rad fahren oder einfach nur Spazieren gehen. Die Möglichkeiten sind so vielfältig, dass man dazu geneigt ist, jeden Tag an die frische Luft zu gehen und neue Strecken zu testen. In der Großstadt musste ich überhaupt erstmal ein gutes Stück durch die Stadt laufen, um in den nächsten Park oder an den Fluss zu kommen. Bei gutem Wetter waren die Laufstrecken und Liegewiesen hier jedoch dann absolut überfüllt. Jetzt habe ich das komplette Naturprogramm direkt vor der Haustür und kann manchmal kilometerweit joggen ohne auch nur einem Menschen zu begegnen. Das ist für mich auch der Hauptaspekt, der das Leben auf dem Land so lebenswert macht. Denn in der Großstadt habe ich dieses in der Natur sein wirklich oft vermisst. Daneben fallen mir natürlich auch einige andere positive Dinge in meiner neuen Heimat auf. Da wäre an erster Stelle unsere Wohnung zu nennen; habe ich zu Studienzeiten erst in einem WG-Zimmer mit Pelletofen und dann in einem kleinen Einzimmerapartment (immerhin mit normaler Heizung) gewohnt, genieße ich nun den Luxus einer großen Wohnung mit eigenem Büro, einer Abstellkammer, Terrasse und Spülmaschine. Tatsächlich bekommt man auf dem Land in dieser Hinsicht noch mehr für sein Geld geboten. Unsere Nachbarn kenne ich mittlerweile übrigens auch alle beim Namen; läuft das Leben in der Großstadt meist sehr anonym ab, hält man hier gerne mal miteinander einen kleinen Plausch im Treppenhaus oder hilft sich mit fehlenden Lebensmitteln und Werkzeugen aus. In kleineren Städten bzw. in den Dörfern herrscht einfach ein viel stärkeres Miteinander und Zusammengehörigkeitsgefühl als in einer großen Stadt. Man kennt sich untereinander und geht nicht in der Masse unter. Diese Nähe führt natürlich auch dazu, dass sich die Leute häufig immer wieder Gedanken darum machen, was wohl die lieben Nachbarn über einen denken. Da mir das jedoch ziemlich egal ist, schlendre ich trotzdem mit Adiletten und Messie-Bun zum Einkaufen oder lasse die Fenster bei Sonnenschein mal ungeputzt. Und was stelle ich fest? Keiner schaut mich komisch an oder flüstert über mich, denn die Menschen auf dem Land sind meist gar nicht so engstirnig und konservativ, wie man vielleicht denkt. Manche schon, das kann ich nicht bestreiten. Viele sind aber auch einfach nur nett und herzlich, offen und interessiert an neuen Dingen, weshalb es umso trauriger ist, dass gerade für junge Leute die Möglichkeiten und Angebote an Aktivitäten in einer Kleinstadt so begrenzt sind.

Trotz alledem wird die Flucht zurück aufs Land in unserer Generation immer beliebter. Denn das Leben hier kann so schön und entspannt sein. Es ist selten hektisch, es ist unaufgeregt und doch aufregend. Leben auf dem Land bedeutet mit dem Fahrrad zum Bauernhof fahren, um frische Eier fürs Frühstück zu kaufen, es bedeutet etliche Outdoor-Aktivitäten bei Wind und Wetter, es bedeutet Unkrautzupfen in der Einfahrt und frische Blumen direkt vom Feld pflücken; Landleben heißt viel Weite, viel Natur, viel Ruhe, viel frische Luft. Genauso bedeutet das Leben auf dem Land aber zeitgleich auch Kleinlichkeit, Langeweile, eingeschränkt und ab und zu auch einsam sein; es bedeutet sich ins Auto zu setzen, um mal bummeln und Kaffee trinken oder Sushi essen zu gehen. Es bedeutet, nach der Arbeit nicht mal eben zum Afterwork-Pilates oder auf ein Glas Wein in die schöne Vinothek um die Ecke zu gehen und sich am Heimweg eine Buddha-Bowl mitzunehmen. Es bedeutet vielmehr nach der Arbeit eine Runde durch den Wald zu drehen und sich dann zum Grillen und Karten spielen bei Freunden im Garten zu treffen. Zumindest bedeutet es all das für mich. Und so sehr ich mich auch manchmal nach den Möglichkeiten, die einem jungen Menschen in einer Großstadt eröffnet werden, sehne, so sehr mag ich auch mein neues Leben in dieser kleinen Stadt mitten in der Natur, wo sich Fuchs und Hase tatsächlich noch „Gute Nacht“ sagen.

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