Ein Blick über den Tellerrand

Neben den juristischen Pflichtveranstaltungen bieten die meisten Universitäten auch Vorlesungen und Seminare, die entweder für eine bestimmte Gruppe von Studienfächern oder für alle Studienfächer geöffnet sind. Die Auswahl von Veranstaltungen ist dabei vielfältig und reicht von Rechtsmedizin und forensische Psychiatrie, bis hin zu Umweltschutz und die Zukunft der IT. Ich habe beim Besuchen dieser Veranstaltungen die Erfahrung gemacht, dass regelmäßig wenige bis keine Jurastudenten in solchen Veranstaltungen anzutreffen sind.

Mögliche Gründe dafür sind schnell erörtert: Das Jurastudium ist bereits ohne zusätzliche Veranstaltungen sehr voll. Wer alle Vorlesungen regelmäßig besuchen, vor- und nachbereiten will hat kaum noch Zeit für andere Veranstaltungen, warum es sich dennoch auch für Jurastudenten lohnen kann, die Zeit zu investieren soll im Folgenden betrachtet werden.

  1. Der soziale Aspekt

Egal in welchem Bereich man später arbeitet, als Jurist trifft man in seiner Laufbahn auf die verschiedensten Menschen. Aus diesem Grund ist es aus meiner Sicht sinnvoll bereits im Studium aus der eigenen Komfortzone herauszutreten und andere Lebenswelten kennenzulernen. Im Rahmen von ausserfakultären Veranstaltungen treffen in der Regel die verschiedensten Fachrichtungen und damit Menschen aufeinander, so bieten sie einem, neben den fachlichen Aspekten, auf die wir noch kommen werden, die Möglichkeit ohne viel Aufwand viele Menschen mit den unterschiedlichsten Auffassungen und Vorstellungen vom Leben kennenzulernen und ein wenig aus der eigenen Jurablase auszbrechen.

  1. Der Vorteil für die eigene Argumentation

Ein weiterer Vorteil von ausserfakultären Veranstaltungen besteht darin, dass man nicht nur mit Studenten anderer Fachrichtungen zusammenkommt, sondern auch mit Meinungen und Betrachtungsweisen anderer Fachrichtungen. Betrachtet man zum Beispiel im Rahmen einer Vorlesung im Bereich der forensischen Psychiatrie die Schuldfrage, dann wird der Erziehungswissenschaftler sich dieser ganz anders nähern als der Psychiater oder der Mediziner. Dadurch erhält man zum einen die Möglichkeit die Auswirkungen juristischer Wertentscheidungen auf andere Fach- und Lebensbereiche zu sehen und zum anderen liefert einem der fachfremde Austausch vielleicht auch neue Argumente für die eigene juristische Arbeit, die der Korrektor nicht schon zum hundertsten Mal gelesen hat. In jedem Fall hilft einem der Austausch später in Klausuren und Hausarbeiten andere Sichtweisen einzunehmen und zu verstehen.

  1. Der Nutzen für die praktische Arbeit

Auch das Jurastudium ist irgendwann einmal beendet und früher oder später beginnt die praktische Arbeit. Wer schon im Studium weiß, in welche Richtung es für ihn mal gehen soll, kann ausserfakultäre Veranstaltungen nutzen, um in die Bereiche reinzuschnuppern, mit denen er später mal zusammenarbeiten wird. So kann es für jemanden, der zur Staatsanwaltschaft möchte interessant sein sich bereits im Studium mit der Arbeit eines Rechtsmediziners vertraut zu machen und für den angehenden Richter kann der Austausch mit angehenden psychiatrischen Gutachtern oder Sozialarbeitern sehr hilfreich für die spätere Arbeit sein. Auch der spätere Unternehmensanwalt oder Anwalt in einer Großkanzlei kann davon profitieren sich in Veranstaltungen mit fachlichen Bezug zu seiner späteren Arbeit mit der Lebenswelt seiner späteren Mandanten auseinanderzusetzen. Am Ende des Tages ist die juristische Arbeit von einem regen interdisziplinären Austausch und Verständnis geprägt und es ist durchaus sinnvoll diesen früh zu beginnen.

  1. Der Klassiker: Lebenslauf

Im Austausch mit Kommilitonen ist einer der häufigsten Gründe für den Besuch ausserfakultärer Veranstaltungen, den ich bisher gehört habe der, dass es sich gut im Lebenslauf macht. Auch wenn ich persönlich der Meinung bin, dass das nicht der einzige Grund sein sollte, so lässt sich doch nicht von der Hand weißen, dass gut gewählte Extrakurse dem Lebenslauf einen roten Faden geben können. Dabei kommt es wie so häufig nicht auf die Menge, sondern auf die Qualität der gewählten Veranstaltungen an.

  1. Die Vorbereitung von Plan B

Nicht zu vergessen ist auch, dass nicht jeder das Jurastudium am Ende erfolgreich abschließt. Ein paar ECTS aus einem anderen Fachbereich könnten einem in einem späteren Bachelor angerechnet werden oder auch bei der Wahl eines anderen „Plan B“ den Weg ebnen. Natürlich ist unser aller Ziel das Examen am Ende erfolgreich zu absolvieren und der einzige Grund zum Besuch ausserfakultärer Veranstaltungen sollte nicht der sein, dass man sich auf ein mögliches Nichtbestehen vorbereitet, aber nichtsdestotrotz ist es ein möglicher Vorteil vom Besuch solcher Veranstaltungen, den ich euch nicht vorenthalten möchte.

Fazit

Wie sich gezeigt hat, gibt es viele Vorteile, die sich aus dem Besuch ausserfaklutärer Veranstaltungen für euch persönlich und eure berufliche Zukunft ergeben können. Was bleibt ist der zeitliche Faktor, das Jurastudium sollte unter dem Blick über den Tellerrand natürlich nicht leiden. Es könnte sich anbieten Blockseminare zu besuchen, diese dauern häufig nur ein oder zwei Tage und bieten die gleichen Vorteile wie Vorlesungsformate. Außerdem bieten sich im späteren Verlauf des Studiums, wenn die Vorlesungen weniger und die frei einzuteilende Zeit mehr wird, Zeitfenster, die für eine solche Horizonterweiterung genutzt werden können. Für mich hat sich außerdem die Zeit nach der schriftlichen Examensprüfung als guter Zeitpunkt für den Besuch nichtjuristischer Vorlesungen herausgestellt. Solltet ihr euren Vorlesungsplan für das Semester erstellt haben und feststellen, dass sich eine Zusatzveranstaltung, die ihr gern besuchen würdet mit eurem Vorlesungsplan überschneidet, kann es nicht schaden die betroffenen Professoren oder Organisatoren der Veranstaltungen auf diese Terminkollision anzusprechen, manchmal besteht hier ein wenig Flexibilität und man kann euch entgegenkommen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Vorteile die Nachteile deutlich überwiegen und sich letztere durch eine gute Planung und Kommunikation stark minimieren lassen. Aus diesem Grund meine Empfehlung: Schaut im Vorlesungsplan, welche Veranstaltungen anderer Fakultäten euch interessieren und viel Spaß beim Blick über den Tellerrand.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.