Zweites Staatsexamen – mit Online-Rep?!

Online-Repetitorien sind derzeit unter JuristInnen noch eine eher ungewöhnliche Art der Examensvorbereitung. Während ich für das erste Examen noch keines genutzt hatte, habe ich dem Online-Rep zur Vorbereitung auf das zweite Examen mal eine Chance gegeben.

Grund dafür war der unregelmäßige Ablauf des Referendariats: Jede Station ist anders, mit manchen AusbilderInnen trifft man sich häufiger und länger, für manche arbeitet man mehr zu Hause. Weiterhin findet bei der eigenen Stammdienststelle (also dem jeweiligen Landgericht) Präsenzunterricht statt, ebenfalls unregelmäßig, denn dieser muss auf den Terminplan der dozierenden RichterInnen und AnwältInnen abgestimmt werden.

Kurzum: Regelmäßige Lernzeiten gibt es eigentlich nicht. Wer ein „echtes“ Repetitorium besucht, tut dies in der Regel samstags und muss dorthin eventuell recht weit fahren. Grund genug für mich, eine Alternative auszuprobieren.

Wie funktioniert ein Online-Repetitorium?

Online-Reps kombinieren Videoinhalte mit Skripten zum Downloaden. Die Videos sind entweder richtige „Erklärvideos“, bei denen ein Dozent anhand einer Präsentation einen Vortrag hält. Oder es handelt sich um Aufzeichnungen eines Präsenzrepetitoriums mit echter Zuhörerschaft.

Von einigen wird es als nervig empfunden, wenn diese ZuhörerInnen gelegentlich Zwischenfragen stellen und dadurch kurze Pausen im Vortragsfluss eintreten. Persönlich fand ich das nicht besonders störend. Manchmal wird dort genau die Frage gestellt, die ich selbst gerade hatte, oder ich kann mir in dieser Zeit eben eine kleine gedankliche Verschnaufpause leisten. Die Videos ohne Publikum laufen dagegen viel schneller ab, hier habe ich häufiger kurz pausiert, um die Informationen richtig aufnehmen zu können und mich nicht bloß berieseln zu lassen.

In dem von mir genutzten Repetitorium (Lecturio) sind die einzelnen Videos meistens zwischen einer und zweieinhalb Stunden lang. Dabei ist jedes in einzelne Kapitel unterteilt. Nach Beendigung eines Kapitels kann man mit einigen Multiple-Choice-Fragen testen, ob man bisher alles Wichtige verstanden hat. Diese Fragen sind bislang von sehr unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad und bedeuten natürlich keinesfalls, dass man das Examen schon dann meistern wird, wenn man sie alle beantworten konnte. Trotzdem erfüllen sie einen wichtigen Zweck: Es wird eine kurze Pause eingelegt und das eben Gelernte rekapituliert. Wer zwischendurch gedanklich abgedriftet ist (und das kommt vor, wie jeder weiß), merkt das spätestens jetzt. Doch zum Glück ist das kein Problem – einfach zurückspulen.

Die Vorteile

+ Nicht an einen Ort gebunden

Dieser Vorteil liegt auf der Hand: Wo auch immer ich Zugang zum Internet habe, kann auch mein Rep stattfinden. Dank App sogar ohne Laptop. Das spart Zeit, die ich sonst damit zubringen würde, zum Repetitor und wieder zurück zu gelangen. Dabei muss man bedenken, dass die Repetitorien für Referendare nicht in jeder Universitätsstadt ansässig sind – es können also durchaus lange Fahrtzeiten erspart werden.
Auch, wenn ich mal unterwegs bin, kann ich so die Zeit sinnvoll nutzen, zum Beispiel auf einer Zugfahrt.
+ Eigene Zeiteinteilung

An manchen Tagen will einfach nichts so richtig funktionieren oder man hat plötzlich das allseits bekannte Mittagstief. Kein Problem bei einem Repetitorium, das auf Knopfdruck stattfindet und sich nach Belieben pausieren lässt. Umgekehrt kann jeder, der zu ungewöhnlichen Zeiten, spätabends oder sogar nachts, besonders fit ist, auch diesem individuellen Rhythmus nachgehen.

+ Eigene Geschwindigkeit

Manches hat man einfach schon tausendmal gehört. Für mich waren das zum Beispiel die Klagearten der VwGO, denn die hatte ich schon für das erste Examen allzu oft wiederholt. Statt die Zeit abzusitzen, konnte ich hier auch mal etwas überspringen oder mit erhöhter Geschwindigkeit abspielen. Letzteres hat den Vorteil, dass trotzdem noch ein gewisser Wiederholungseffekt entsteht.

+ Wiederholen, so oft man möchte

Manches kann man tausendmal hören, versteht es aber erst beim tausendundersten Mal. Die Lernvideos lassen sich unbegrenzt oft ansehen und niemand wird genervt darauf reagieren.

+ Preiswerter als ein Präsenzrepetitorium

Der geringere Preis ist nicht zu unterschätzen. Denn allzu große Ausgaben muss man sich mit dem üblichen Referendargehalt stets zweimal überlegen.

Die Nachteile

– Kein Druck, kein Rhythmus

Viele sind der Ansicht, dass sie zum effektiven Lernen genau diesen Druck brauchen, der bei dem Online-Rep entfällt. Nämlich, zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort sein zu müssen.

Wenn ich dagegen das Online-Lernen ein paar Wochen sein lasse oder nach einer halben Stunde doch nur im Internet surfe, stört sich niemand daran. Letztlich muss man also mehr Selbstdisziplin aufbringen als bei einem herkömmlichen Rep. Das ist nicht immer leicht.

– Keine echte Kommunikation

Zwar kann man in einer Art Forum Fragen an die Dozenten stellen, die (meistens) sehr zeitnah beantwortet werden. Die direkte Kommunikation kann das bei Verständnisschwierigkeiten aber kaum ersetzen. Zudem gibt es für die eigene Lernleistung kein persönliches Feedback.

– Klausurenkurs nicht inbegriffen

Ein Klausurenkurs wird meines Wissens noch von keinem Online-Repetitor angeboten, man muss sich also separat darum kümmern. Weglassen kann man das Klausurenschreiben auf keinen Fall, es ist vielleicht sogar das Wichtigste in der Examensvorbereitung. Zu den angesprochenen geringeren Kosten kommen also im Zweifel doch nochmal weitere hinzu. Ein All-inclusive-Paket, bei dem man nichts weiter organisieren muss, bietet das Online-Rep also keinesfalls.

Fazit:

Generell gilt, dass die Prüfungsvorbereitung am besten auf den eigenen Lerntyp abgestimmt werden sollte. Wer genau weiß, dass er/sie am besten durch Lesen lernt, dem/der wird das Anschauen von Videos wenig bringen. Wer einen festen Lernrhythmus braucht, ist vielleicht mit Präsenzunterricht besser bedient – oder muss sich diesen Rhythmus selber schaffen.

Ich selbst habe durch ein interaktives Lernprogramm, das uns baden-württembergischen ReferendarInnen zur Einführung zur Verfügung gestellt wurde, gemerkt, dass ich mit dieser Art zu lernen gut zurechtkomme. Bei anderen ist das gleiche Programm dagegen sehr schlecht angekommen – das ist wirklich eine Typfrage.

Ich möchte daher für Online-Repetitorien weder werben noch von ihnen abraten, sondern kann nur folgenden Tipp geben:
Überlegt euch, wie ihr wirklich am besten lernt und arbeitet dann genau so und nicht anders. Dann kann auch ein ungewöhnlicher Weg der richtige für euch sein.

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