Die Juristen WG

Justus und seine Mitbewohner sind schon ein komischer Haufen für Außenstehende. Dass Juristen, wenn sie unter sich sind, gelegentlich mal über Jura reden ist klar. Bei manchen geht das Studium aber auch ins Blut. Wenn sich dann Drei finden, bei denen es so ist, dann ist der juristische Meinungsstreit eröffnet.

Es schellt an der Tür. „Fraglich ist, wer von meinen Mitbewohnern diesmal seinen Schlüssel vergessen hat“, murmelt Justus vor sich hin. Für Justus ist einiges fraglich, für ihn kommt es nämlich immer darauf an, wie die Sachlage gerade ist. Diesmal, ein klarer Fall von Hausfriedensbruch! Da versucht doch tatsächlich die Freundin vom Augustin in die Wohnung zu kommen. Nicht mit mir, denkt sich Justus und schlägt Augustins Freundin die Tür vor der Nase zu.

Es schellt schon wieder an der Tür. Augustin kommt mit dem Fahrstuhl hochgefahren. Weil angehende Juristen ja niemals in Häusern mit Treppen leben würden. Zumindest klärt er den Justus jetzt darüber auf, dass er seiner Freundin generell die Erlaubnis erteilt hat, auch ohne ihn in die Wohnung zu kommen. „Unter welcher Grundlage willst du das nun subsumieren?“ ist die einzige Frage, die dem Justus da in den Sinn kommt.

Augustin ignoriert die Aufforderung zur Subsumtion. Da liegt auf dem Tisch, ein Präsent, frisch von seinem Papa aus New York geschickt. Was ein schöner Füllfederhalter und das Tintenfass gab es gleich mit dazu.

Der Augustin voller Freude den Füller gezückt, möchte ihn in die frische Tinte tauchen. Da nimmt der Justus dem Augustin seinen Füllfederhalter weg und meint es sei seiner. Doch Justus nur: „Du bist lediglich der Besitzer, der Eigentümer bin immer noch ich.“ Ehe sich die zwei über die Verhältnisse von Eigentum und Besitz näher streiten konnten, kam Maximilian herein. „Lasst uns eine Eigentumsprüfung machen“ sagte er mit zu viel Elan. Schon nahmen alle drei Stifte zur Hand, das Blattpapier vor sich gelegt und schon konnte die Prüfung der §§929 ff. BGB beginnen. Ab jetzt wird fröhlich subsumiert und gleich die Conclusio hinterher.

Doch wer meint drei Juristen sind schon zwei zu viel, der weiß wovon er redet. Drei Juristen haben auch drei Meinungen. Großes Gerede, viel Geschwafel und das Problem von allen Seiten aufziehen. Der Diskurs selbst, soll wohl nicht zu einer Lösung führen. Vielmehr soll jede Meinung für sich stehen und durch noch mehr Argumente belegt werden.

Sind die Jungs mal gemeinsam zum Essen, ist das Erste was ihnen auffällt das „für Garderobe keine Haftung“-Schild. Vor dem brechen sie in schallendes Gelächter aus. Eine AGB-Kontrolle muss hier nicht mal mehr ausgeführt werden, höchstens um die restlichen Gäste mit ihrem Wissen zu beeindrucken.

Der Wirt, der lacht auch. Aber nur, weil er den angehenden Juristen nun den billigsten Wein als den Teuersten verkauft.

Bei dem siebten Gläschen Wein wird dann weiter diskutiert. Der Justus schon leicht im Grübeln. Die Aurelia, mit ihrem glatten blonden Haar, die gefällt ihm schon lange sehr. Mit jedem Wein wird’s schlimmer, da hat der Augustin die Lösung: „Wir schreiben der Aurelia einen Liebesbrief“. Doch eigentlich will er nur, dass der Justus endlich aufhört zu jammern.

Stift und Papier werden gezückt. Wie gesagt so getan, da bringt der Justus endlich zu Papier, was ihm nach dem zehnten Gläschen Wein, schon so lange auf dem Herzen brennt. Der Justus, der kennt hier keine Hemmungen, nur die Verjährung.

Da kommt der Maximilian dazu und will dem Justus helfen. Der Einzige von den drei Jungs, der auch gern mal ein Bierchen trinkt. Für Maximilian das Wichtigste, sein Name als Ganzes. Abkürzungen gibt es für ich ihn nicht. „Max“ das klingt schon zu stark nach Proletariat. Wer ein Bier in der Hand hat, der kann nicht auch noch Max heißen.

Angetrunken wie Maximilian schon ist, kippt er den guten Rotwein über Justus seinen Schönfelder. Den Ärger im Gesicht zu sehen, schaut Justus seinem Schönfelder beim durchweichen zu. Da sagt der Augustin ganz locker „den ersetz ich dir“. Doch Justus, mit den Tränen in den Augen: „Der hat ideellen Wert“.

„Aber immerhin, passen die Seiten jetzt farblich zum Umschlag“ versucht Maximilian verzweifelt Justus zu überzeugen.

Maximilian gar nicht entzückt, soll den Zustand wiederherstellen, der hier vorher schon bestand. Doch wollen wir hier wahren, was uns das Gebot der Wirtschaftlichkeit soweit bestimmt. Der Justus ganz entsetzt, besteht auf Restitution. Das sei nicht nur bloßer Hohn, schließlich hat er damit seine erste Klausur im Zivilrecht geschrieben.

Da sieht der Justus am Nebentisch, wie ein Knilch die Striche auf seinem Deckel verwischt. Doch drei, zwei, eins sitzt der Justus schon bereit am Nebentisch und erklärt, dass der Deckel ja ne Urkunde sei und er so diese nicht zu fälschen vermag. Als der ihn plötzlich beleidigt, holt der Justus seine Liste raus. Da stehen die verhängten Bußgelder für die Strafen drauf. Den Tatbestand nach §185 StGB erfüllt, erklärt der Justus laut.

Maximilian bekommt plötzlich ein mulmiges Gefühl. Wenn der Justus dem schon so an den Kragen geht, muss ich wohl wirklich haften nach den Regeln der Naturalrestitution. Welch eine harte Sanktion. Verzweifelt versucht Maximilian auf beck-online, die Seiten einzeln für den Schönfelder zu erwerben. Doch mit dem Kauf da reicht es nicht. Die nächsten zehn Stunden darf er nun, jede Seite einzeln einsortieren.

Am Abend dann, gemeinsam vor dem Fernseher schaut man sich die neusten Gerichtsshows an. Auch Christopher Posch von RTL schafft es manchmal in das juristische Abendprogramm der WG. Es wird laut gebrüllt „Das ist kein Diebstahl, lediglich Unterschlagung.“ Doch am anderen Ende, dem Fernseher, hört sie keiner.

Doch nur um nochmal klarzumachen, der Posch vertritt die Mindermeinung. Die herrschende Meinung, das ist klar, vertreten Justus und sein Clan.

Am Ende des Abends sind sich die Drei einig: „Ach Jungs, was bin ich froh, dass ich nicht mit Laien zusammenwohn…“

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