Der Start ins Referendariat – Teil 1: Wann und wohin ins Referendariat?

Nach dem ersten Examen ist vor dem zweiten Examen. Nach dem (wohlverdienten) Feiern des ersten Examens stellt sich die Frage, wie es danach weitergeht? Promoviert man, absolviert man einen Master oder kehrt man Jura gar ganz den Rücken? Die häufigste Antwort wird mit Sicherheit die sein, dass man ins Referendariat geht. Doch schon vor Beginn stellen sich dann eine Vielzahl von Fragen, für die es nicht immer gleich Antworten gibt. Mit dem folgenden Beitrag möchte ich meine Erfahrungen weitergeben und einige Tipps, um den Einstieg zu erleichtern.

A. Die Wahl des Einstiegszeitpunktes

Eine Frage, die ich häufig gestellt bekommen habe, war, wann der optimale Zeitpunkt für den Einstieg ist? Sollte man sich erst vorher ein halbes Jahr auf das zweite Examen vorbereiten? Soll man vor dem Referendariat promovieren oder erst danach? Und wann ist ein Master sinnvoll? Um es gleich vorneweg zunehmen – eine eindeutige Antwort gibt es leider nicht. Aber zumindest kann man Guidelines geben, die die Entscheidung erleichtern. Zuerst sei aber gesagt, dass ich nach dem zweiten Examen direkt in den Master eingestiegen bin, nach dem Master ein halbes Jahr erstmal nur gearbeitet habe und gleichzeitig das Thema und Konzept meiner Doktorarbeit entworfen habe. Ins Referendariat bin ich dann circa 3 ¾ Jahre nach dem ersten Examen gegangen.

I. Pause, um sich auf das Referendariat vorzubereiten

Um es vorneweg zu nehmen, man kann sich natürlich schon gezielt auf das zweite Examen vorbereiten. Allerdings erachte ich es nicht als sinnvoll, dass man gezielt beispielsweise den Start um ein halbes Jahr nach hinten verschiebt, nur um sich vorzubereiten. Das Handwerkszeug und den Umgang mit dem praktischen Fall lernt man im Referendariat. Sollte man allerdings auf den Referendariatsplatz warten müssen, spricht natürlich nichts dagegen, sich schonmal vorzubereiten. Aber hier gilt, wie in einem anderen Blogbeitrag auf dieser Seite beschrieben – nichts überstürzen, sonst lernt man noch das Falsche!

II. Masterstudiengang

Ich selbst habe nach dem Examen sofort mit dem Master of Comparative Law der Universitäten Mannheim und Adelaide begonnen. Für mich selbst war dies auch die richtige Entscheidung. Man bleibt im juristischen Denken drin, erlebt aber eine neue Perspektive und erwirbt oder vertieft im Ausland seine Sprachkenntnisse und lernt eine neue Kultur kennen. Für mich war das nach den harten Monaten der Examensvorbereitung ideal. Ebenso kenne ich viele Juristen, die dies genauso sehen, da nach dem zweiten Examen häufig die Lust auf die Arbeitswelt überwiegt und der Master trotz der vorherigen Planung nicht absolviert wird.

Natürlich kenne ich auch Juristen, die den Master nach dem zweiten Examen absolviert haben und für die dieser Weg der richtige war. Dennoch halte ich persönlich den Zeitpunkt zwischen erstem Examen und Referendariat aus den genannten Gründen für ideal.

III. Promotion

Bei mir folgte die Promotion direkt nach dem Master, sodass ich das Manuskript meiner Arbeit vor dem Start ins Referendariat abgeben konnte. Ich habe während der Promotion in einer Kanzlei gearbeitet und an der Universität Heidelberg Arbeitsgemeinschaften geleitet, um mir diese zu finanzieren. Gleichzeitig hatten diese Nebentätigkeiten den Effekt, dass ich doch im materiellen Recht immer noch „drin“ war, auch wenn das erste Examen immer weiter wegrückte. Für mich war dies auch die richtige Entscheidung. Mir war bewusst, dass ich nach dem zweiten Examen nicht mehr in der Ausbildung sein wollte, sondern in der Arbeitswelt und als Anwalt in Vollzeit tätig. Dies wird auch für die meisten der richtige Weg sein – die Vorfreude endlich richtig arbeiten und Geld verdienen zu können ist nach dem zweiten Examen bei vielen sehr hoch, sodass das Interesse an einer Promotion im allgemeinen doch geringer sein mag. Eine Promotion ist dabei nochmal ein anderes Projekt als ein Master. Für die Recherche sitzt man doch wieder vermehrt in der Bib, obwohl man diesen Lebensabschnitt ja auch nach dem Lernen für die beiden Examina hinter sich lassen wollte. Im Master muss man zwar auch in der Bib z.B. für die Masterarbeit sitzen, aber man ist in einem komplett neuen Umfeld und nimmt noch zusätzlich eine neue Kultur mit und hat auch von Beginn an einen festen Zeitrahmen.

IV. Was ganz anderes

Ich persönlich kenne auch einige Leute, die nach dem ersten Examen einen MBA gemacht haben und dann in die Unternehmensberatung oder in ein Unternehmen oder eine Bank gegangen sind. Wer mit Jura aufhören will, hat also auch diese Optionen. Dass sei aber nur am Rande erwähnt, bevor zu dem häufigsten Fall nach dem ersten Examen übergeleitet wird.

V. Direkter Einstieg

Last but not least soll natürlich nicht vergessen werden, dass der direkte Einstieg ins Referendariat auch immer möglich ist. Der Vorteil ist dabei sicherlich, dass man noch vom ersten Examen fit ist und mit dem gesamten Wissen in das Referendariat geht. Außerdem ist man schneller in der Arbeitswelt, ein nicht zu unterschätzender Reiz. Der Nachteil ist natürlich, dass man gleich wieder das Gefühl hat, in der Examenstretmühle zu sein.

VI. Fazit

Den richtigen Zeitpunkt für den Einstieg ins Referendariat kann leider niemand nennen. Es ist sehr stark von den eigenen Umständen geprägt, aber man sollte die oben genannten Punkte in seiner Abwägung beachten und dann für sich die Entscheidung treffen. Alle Wege haben ihr für und wider und es ist sicherlich auch eine Frage der eigenen Planung und Einstellung, wie man weiter vorgehen will.

B. Die Wahl des Ortes

Die nächste Frage, die sich stellt, ist natürlich, wo man sein Referendariat absolvieren möchte. Bleibt man, wo man ist, sucht man nochmal eine neue Herausforderung oder kehrt man in die Heimat zurück? Welches Bundesland passt am besten zu einem? Ich habe zwar in Heidelberg, Baden-Württemberg studiert, bin aber für das Referendariat an das LG Darmstadt nach Hessen gegangen. Beweggründe waren einmal für mich der Aufbau des Referendariats mit der einheitlichen Anwaltsstation gegenüber Baden-Württemberg, die Möglichkeit während der Verwaltungsstation ins Ausland gehen zu können und mein Nebenjob in Frankfurt am Main.

I. Der unterschiedliche Aufbau des Referendariats

Es lässt sich zunächst festhalten, dass der Aufbau des Referendariats in den einzelnen Bundesländern doch deutliche Unterschiede aufweist. In Baden-Württemberg hat man zum Beispiel zwei Anwaltsstationen, in Hessen hingegen eine große. Das hessische System hat mir zumindest von außenbetrachtet besser gefallen als dasjenige in Baden-Württemberg, am Ende ist dies aber auch eine persönliche Präferenz. Man sollte sich aber im Klaren sein, wie der grundsätzliche Aufbau des Referendariats ist und wie man vielleicht auch seine Vorlieben oder Vorstellungen erfüllt sehen kann. Insbesondere für Auslandsstationen sollte man hier ein Augenmerk haben, wenn man eine oder mehrere Stationen im Ausland absolvieren möchte.

II. Der unterschiedliche Stoffplan

Ebenfalls unterscheidet sich der Stoffplan. Meines Wissens spielt das FamFG in Rheinland-Pfalz zum Beispiel keine Rolle, allerdings kann es in Hessen drankommen. Die Betonung liegt dabei auf „kann“. Im Zweifel werden maximal die Basics abgefragt. Mehr kann das Prüfungsamt auch gar nicht verlangen. Für mich selbst spielte der Stoffplan keine Rolle. Natürlich ist zu beachten, dass wenn plötzlich das zuvor noch nie gesehene Steuerrecht auf dem Plan steht, man ganz anders an das Referendariat rangehen muss, aber man kann sich darauf vorbereiten. Dennoch können große Gebiete abschrecken und man sollte sich im Klaren sein, ob man ein neues Rechtsgebiet lernen will. Unterschiede in Randgebieten sollten aber nicht ausschlaggebend für die Wahl des Ortes für das Referendariat sein.

III. Ein neues Verwaltungsrecht

Ein Punkt, über den man sich aber ganz klar sein muss, ist, dass man beim Wechsel des Bundeslandes mit einem „neuen“ Verwaltungsrecht konfrontiert ist. Zwar sind die Probleme meist die gleichen, aber an anderen Normen festgemacht. Man denke nur an die polizeiliche Generalklausel, die in Baden-Württemberg in §§ 1, 3 PolG verankert ist, in Hessen aber in § 11 HSOG. Man kann dies lernen und es ist auch ein bewältigbares Hindernis. Der Aufbau einer gerichtlichen Entscheidung ist auch in der Struktur weitestgehend gleich und muss für das Referendariat sowieso erstmal erlernt werden. Wer aber glücklich an seinem Studienort ist, keinen ungewöhnlichen Auslandsaufenthalt plant und kein neues Recht lernen will, sollte diesen Punkt zur weiteren Erleichterung der Entscheidung durchaus berücksichtigen. Dennoch kann ich aus eigener Erfahrung sagen – das „Umlernen“ geht leichter als gedacht.

IV. Schwerpunkte

Der Schwerpunkt im ersten Examen, wie in diesem Beitrag, kann schnell gewählt sein. Sei es aus Interesse, sei es, weil der Dozent so toll ist. Im zweiten Examen ist dies nicht mehr so einfach. Manche Bundesländer lassen einem die Wahl des Schwerpunktes, andere, wie Hessen, machen es von der Wahlstation abhängig. Die Wahlstation ermöglicht es jedoch seinen Interessen nachzugehen und dadurch den richtigen Schwerpunkt zu finden. Vor allem sollte man den Schwerpunkt nicht nach dem möglichst „einfachsten“ Fach wählen, sondern nach den persönlichen Vorlieben, genau wie die Wahlstation. Wenn man etwas gerne macht, ist man automatisch besser! Wer z.B. das Strafrecht nicht mag, wird trotz vermeintlich einfacherem Fach nicht besser sein. Daher sollte man auch im Rahmen des Schwerpunktes im zweiten Examen, der in der Regel den Aktenvortrag betrifft, nach Interesse gehen und danach auch seinen Referendariatsort wählen.

V. Wege ins Ausland

Ein Punkt, der mir wichtig war, war, dass es in Hessen in vielen Punkten leichter war ins Ausland zu gehen, als in Baden-Württemberg. Hessen ist in der Verwaltungsstation deutlich flexibler als Baden-Württemberg. Wer an dieser Stelle spezielle Pläne hat, sollte sich im Vorfeld erkundigen – dies ist dann ein wichtiges Kriterium!

VI. Eine neue Erfahrung

Etwas Neues kennenlernen ist immer eine tolle Erfahrung. Von der Stadt in die Provinz, wie in diesem Beitrag, oder vom Süden in den Norden oder von West nach Ost oder jeweils umgekehrt, eine neue Erfahrung ist immer toll. Wer Fernweh hat oder doch Heimweh, sollte auf sein Gefühl hören und diesen Weg gehen. Nichts bereut man mehr, als wenn man sagt – ich hätte gerne, habe aber nie…

VII. Unterhaltsbeihilfe

Ohne Moos, nichts los. Jeder kennt dieses Sprichwort. Leider muss man sagen, im Referendariat gibt es nirgends Moos. In Hamburg, Frankfurt und München fressen einen die Lebenshaltungskosten auf, woanders sieht es auch nicht besser aus. Die Unterhaltsbeihilfe ist überall sehr gering und zum Leben praktisch nicht ausreichend. Man kann in jedem Bundesland hinzuverdienen, wobei die Grenzen sehr unterschiedlich sind. Wer darauf angewiesen ist, sollte sich hier genau erkundigen! Referendariat mit Existenzangst ist die falsche Kombination! Dann mag es vielleicht nicht München werden, aber es gibt auch schöne Alternativen. Natürlich beißt sich dies ein wenig mit der obigen Aussage, ich hätte gerne, habe aber nie…, aber wenn es der Geldbeutel aktuell nicht zulässt, kann man es vielleicht doch zu einem späteren Zeitpunkt nachholen. Nur in die Existenznot sollte man sich nicht in dieser wichtigen zweijährigen Phase begeben.

C. Fazit

„DEN“ Weg gibt es leider nicht. Man kann spät oder gleich einsteigen, in der Heimat bleiben oder in die Ferne ziehen. Jeder hat einen individuellen Lebenslauf und muss für sich den richtigen Weg finden. Die obigen Überlegungen sollen auch nur eine Hilfestellung sein. Wichtig zur Beruhigung ist aber, dass es am Ende nicht darauf ankommt, wer in München, Tokio und New York im Referendariat war, sondern welche Person das juristische Handwerk beherrscht. Deswegen – nehmt die genannten Punkte als Orientierung und überlegt, welcher Weg zu euch passt!

Teil 2 des Beitrags liefert dann konkrete Tipps für den Einstieg.

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