Aus der Praxis: Jobeinstieg nach dem ersten Staatsexamen

Frau Margarita Golubkova (mg) im Interview mit myjobfair (mjf):

mjf: Frau Golubkova, eine nicht ganz alltägliche Entscheidung: Sie haben Jura studiert, sind aber nicht unmittelbar darauf ins Referendariat gegangen?

mg: Ich habe in Potsdam sowie Würzburg studiert und in Würzburg das Examen abgelegt, und zwar im Sommer 2018. Ich kam aus dem ersten Staatsexamen und wollte arbeiten, endlich mein Wissen praktisch anwenden und Geld verdienen.

mjf: Hatten Sie Befürchtungen, mit „nur“ einem Staatsexamen einen schwierigen Berufseinstieg zu haben?

mg: Ja, absolut. Denn die meisten Stellen sind für Volljuristen ausgeschrieben. Dennoch gibt es auch gute und spannende Positionen für Diplomjuristen, also jene, die „nur“ das erste Examen haben. Man muss sich deutlich machen, dass man mit einem Examen kein „halber Anwalt“ oder ähnliches ist, sondern ein gut und umfassend universitär ausgebildeter Jurist. Ich kann Verträge prüfen, erstellen und aktualisieren, mich auf dem Laufenden halten in Bezug auf Rechtsprechung und lernen, mich stetig entwickeln. Ebenfalls kann ich gut beraten. Das meiste lernt man ohnehin durch Erfahrung und Praxis, dies gilt insbesondere für die Tätigkeit in einem Unternehmen, die mir persönlich sehr viel Freude bereitet. Wenn man sich dieses „mindset“ der eigenen Kompetenzen vergegenwärtigt, ist die Angst nicht mehr so dominant.

mjf: Wie haben Sie den Einstieg geschafft?

mg: Ich hatte direkt nach dem Studium die tolle Chance, bei der Berlin Tourismus & Kongress GmbH (visitBerlin) als juristische Referentin einzusteigen. Dort habe ich spannende Erfahrungen im Wirtschaftsrecht mit Schwerpunkt Vertragsrecht sammeln dürfen. Leider war die Stelle sachgrundbefristet. Den Einstieg habe ich so gut geschafft, weil ich einen ordentlichen Abschluss habe, von mir und meinen Fähigkeiten überzeugt war und bin und Glück hatte, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Ich hatte aber auch andere Gespräche und Optionen, insbesondere als Unternehmensjuristin in der Rechtsabteilung. Dies ist problemlos mit einem Staatsexamen möglich.

Man muss an sich glauben und sich auch auf Stellen bewerben, die nicht 100% passen, 70-80% reichen auch. Einige Unternehmen geben auch Berufsanfängern mit einem Examen eine Chance. Wichtig ist, dass man sich vor Augen hält, was die eigenen Stärken sind und diese entsprechend im Bewerbungsprozess kommuniziert.

mjf: Wie war Ihr bisheriger Werdegang?

mg: Ich war nach meiner Tätigkeit als juristische Referentin, in der ich schwerpunktmäßig Verträge betreute sowie juristisch beriet, als Compliance & Risk Managerin bei einer Aktiengesellschaft tätig. Hierzu überprüfte und aktualisierte ich interne Richtlinien sowie Vorgaben der Konzernmutter und pflege auch das interne Risikomanagement, das bei Aktiengesellschaften gesetzlich vorgeschrieben ist. Dabei stand ich im Austausch mit Kollegen und eruierte wesentliche Risiken für das Unternehmen. Diese Tätigkeit hat einen starken betriebswirtschaftlichen Schwerpunkt und ist somit für jene interessant, die sich auch abseits der typisch juristischen Wege ausprobieren wollen.

mjf: Wie kamen Sie zu diesen Spezialgebieten Compliance und Risk Management?

mg: Da ich mich für BWL interessiere, und die Beschreibung insoweit einige Berührungspunkte sowie Eigenverantwortung versprach, hatte ich mich beworben. Einige Berührungspunkte mit Compliance hatte ich bereits bei visitBerlin sammeln können.

mjf: Was genau muss man sich unter beiden Aufgabengebieten vorstellen, worin besteht diese Arbeit?

mg: Pflege sowie Aktualisierung interner Vorgaben (sog. Richtlinien), Umsetzung der Konzernvorgaben, Beratung der Kollegen zu Compliance. Beim Risikomanagement geht es um die Erfassung und Bewertung von Unternehmensrisiken.

mjf: Was ist das Besondere an diesem Beruf?

mg: Dass er sehr wenig mit Jura zu tun hat und einiges mit BWL sowie viele interessante Einblicke in Unternehmen generell liefert. Man lernt dabei viel zu unternehmerischem Handeln, betrieblichen Abläufen und Wirtschaftlichkeit. Eine tolle Option für Juristen, die schwerpunktmäßig betriebswirtschaftlich arbeiten wollen.

mjf: Welche Fähigkeiten außer Jura braucht man für diese Aufgabe?

mg: Organisationsfähigkeit, Durchsetzungsfähigkeit, Eigeninitiative.

mjf: Wie geht es nun für Sie weiter?

mg: Ich habe festgestellt, dass Compliance & Risikomanagement nicht vollständig meinen Neigungen entsprechen. Jedoch bin ich sehr dankbar, dass ich Erfahrungen in diesem interessanten und vielfältigen Bereich sammeln durfte. Ich habe mich daher wieder juristisch orientiert und arbeite seit April 2019 als Junior-Wirtschaftsjuristin in einem Unternehmen. Dies knüpft inhaltlich an meine Tätigkeit bei vistBerlin an und hat insbesondere einige Berührungspunkte mit dem öffentlichen Recht, das ich im Studium als Schwerpunkt hatte.

mjf: Was ist Ihr wichtigster Rat für Juristen, die keine Volljuristen mit Referendariat und zwei Examina werden wollen?

mg: Keine Angst haben. Sich mehr zutrauen. Sich vergegenwärtigen, dass man ein solides Wissen hat, auf dem man aufbauen kann. Es gibt einige Optionen für Juristen ohne zwei Staatsexamina. Die typische Anwaltskarriere ist nicht das einzige, es gibt sehr viele hochspannende Dinge, die man als Diplomjurist machen kann. Ich würde auch empfehlen, zu eruieren, ob man wirklich nur das erste Examen machen möchte und warum. Wenn es Angst ist vor dem zweiten, man aber doch weitergehende Karrierewünsche hat, würde ich eher an der Angst arbeiten. Im Kern ist es wesentlich zu wissen, was konkret man will. Darauf kann man aufbauen.

mjf: Frau Golubkova, vielen Dank für das Gespräch!

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