Die Geschichte der irischen Teilung – ein Überblick

Wiederaufflammen der Gewalt in Nordirland. Journalistin in (London-)Derry erschossen. Kehrt der Nordirlandkonflikt zurück? Diese und andere Schlagzeilen sind es, die die letzten Tage die Medien bei allen Themen rund um Nordirland beherrschen. Doch auch die innerirische Grenze war in den letzten Wochen und Monaten aufgrund des Brexits ein Thema, dass in Politik und Medien dauerpräsent war. Doch was sind eigentlich die Wurzeln und Hintergründe der irischen Teilung? Wieso ist die Situation so kompliziert wie sie ist? Dieser Frage möchte ich in diesem Beitrag nachgehen.

Ziel dieses Beitrages

Das Thema des Konfliktes in Nordirland ist ein sehr heikles. Mir ist es wichtig gleich an dieser Stelle festzuhalten, dass das Thema unheimlich viele Facetten hat, welche in einem solchen Blogbeitrag nicht ansatzweise in der gebührenden Tiefe dargestellt werden können. Dennoch möchte ich zumindest versuchen, für ein erweitertes Verständnis des Konfliktes bei den Lesern und Leserinnen dieses Beitrages zu sorgen und Interesse für weitere eigene Recherche zu erzeugen. Ich selbst bin seit 2008 mindestens einmal im Jahr auf der irischen Insel und war auch an vielen geschichtsträchtigen Orten, die die Geschichte der Emerald Isle geprägt habe. Auf beiden Seiten der Grenze habe ich dabei immer gastfreundliche, zuvorkommende und unglaublich liebenswerte Menschen kennengelernt. Es ist mir daher sehr wichtig festzuhalten, dass dieser Artikel keine Beurteilung oder Wertung darstellt, sondern eine Erläuterung der historischen Hintergründe und aktuellen Sorgen.

Der historische Ursprung des Nordirlandkonfliktes

Hört man vom Nordirlandkonflikt oder den „Troubles“ haben die meisten Menschen sofort Bilder hauptsächlich aus den 60ern und 70ern des letzten Jahrhunderts im Kopf, von Soldaten und maskierten Paramilitärs, von Stacheldraht und Panzern. Der Ursprung des Konfliktes findet sich aber nicht in den 60ern oder 70ern des letzten Jahrhunderts wieder, sondern liegt bereits Jahrhunderte früher.

Die normannische Eroberung

Irland und England sind Nachbarn, die nur durch die irische See getrennt sind. Lange Zeit beeinträchtigten die Nachbarn sich im Wesentlichen kaum. Doch die Geschichte Englands und Irlands sollte bald eng miteinander verwoben sein. Im Jahr 1169 kam es unter päpstlicher Billigung zum Beginn der anglonormannischen Feldzüge in Irland. Hintergrund war, dass der vertriebene Kleinkönig von Leinster, Diarmuid Mac Murchadha Caomhánach, die Unterstützung von Heinrich II, dem englischen König suchte, um sein Reich zurückzuerobern. Einige Barone der Welsh Marches sagten ihre Unterstützung zu. Nach ersten Angriffen 1169 folgte schließlich die Unterstützung einer Streitmacht von Richard Strongbow. Teil Leinsters und Dublin konnten von den Engländern erobert werden. In der Folge der Jahrhunderte wurde die englische Herrschaft in Irland stärker und schwächer, aber immer waren Teile Irlands unter englischer Gewalt. Am Ende der normannischen Eroberung blieb fest in englischer Hand schließlich nur die Region um Dublin.

Der Start der Plantations

Die sogenannten Plantations, wortwörtlich „Anpflanzungen“ können erstmalig auf den Beginn der 1540er Jahre datiert werden. In dieser Zeit wurden die ersten englischen Siedler gezielt in Irland angesiedelt. Doch die Iren, die sich damals in erster Linie ihren jeweiligen Clans verbunden fühlten, leisteten Widerstand.  Die Aufstände unter Hugh O’Neill, 2. Earl of Tyrone  (ein County im heutigen Nordirland) waren dabei die wohl bekanntesten. O’Neill schaffte es Irland gegen die Engländer zu vereinen und gegen diese in den Krieg zu ziehen. England ging jedoch siegreich aus dem Konflikt hervor. Unter anderem da die Regionen des heutigen Nordirlands als eine der Keimzellen gegen die englische Herrschaft gesehen wurden, kam es ab 1609 daher in Ulster, welches aus neun Grafschaften besteht, von denen sechs das heutige Nordirland bilden, zur Ansiedlung englischer und schottisch-presbyterianische Siedler. Diese sollten die englische Vorherrschaft sichern und verhindern, dass es aus dieser Richtung jemals wieder zu Aufständen kommt. Nordirland wurde also vom Ausgang des Widerstandes zum Zentrum der englischen Herrschaft. Natürlich ist in diesem Zusammenhang zu beachten, dass die alte irische Bevölkerung dem katholischen Glauben angehörte und die Siedler dem anglikanischen Glauben. Die Religion stellt aber nicht den Hauptgrund für den Konflikt dar. Der Grundstein des Konfliktes liegt vielmehr in der genannten Ansiedlung der meist wohlhabenden Engländer und Schotten gegenüber den meist ärmlicheren irischen Bauern. Ebenfalls wurde 1613 die irische Stadt Derry London direkt unterstellt und in Londonderry umbenannt. Katholische Iren bezeichnen sie aber immer noch als Derry. Alleine an dieser unterschiedlichen Benennung zeigen sich bis heute die Spuren der Plantations auch für Außenstehende sehr deutlich. Die Keimzelle des heutigen Nordirlands liegt also bereits circa 400 Jahre zurück.

Englischer Bürgerkrieg und Wilhelm von Oranien

Im englischen Bürgerkrieg erwiesen sich die Iren als königstreu und dem katholischen Glauben zugewandt. Sie wehrten sich gegen die Herrschaft der englischen Republik. Oliver Cromwell setzte jedoch mit seinen Truppen nach Irland über und ließ den Aufstand erbarmungslos niederschlagen. Aufgrund der Brutalität, unter anderem wurde die Bevölkerung ganzer Städte getötet und deportiert, ist Cromwell in der Republik Irland bis heute eine äußerst negative Figur in der Geschichte. Die englische Republik hatte dabei noch Probleme mit der Besoldung ihrer Truppen und bot daher Grundstücke in Irland, hauptsächlich in Ulster, als Kompensation den Soldaten an. Auch hierdurch verschärfte sich natürlich der Konflikt zwischen den Bevölkerungsgruppen und auch hieran wird sich immer noch in Nordirland von beiden Seiten, wenn auch in unterschiedlicher Form, erinnert. Nach der Wiederherstellung der Monarchie in England bekannte sich schließlich Jakob II. zum katholischen Glauben. Er wurde als König ab- und durch Wilhelm von Oranien ersetzt. Von Wilhelm von Oranien rührt auch das Orange in der irischen Flagge her, welches für die Protestanten Irlands steht, neben dem Grün für die Katholiken und dem Weiß, welches für den Frieden zwischen den Konfessionen steht. Jakob II. versuchte von Irland und mit Unterstützung der katholischen Iren, den englischen Thron wieder zu erobern, unterlag aber am Boyne-Fluss Wilhelm von Oraniens Truppen. Dieser Schlacht wird heute noch bei den Märschen in Belfast durch protestantische Gruppen gedacht. Diese Märsche sind es auch, die man aus dem Fernsehen kennt, wenn beide Bevölkerungstruppen während diesen aufeinander losgehen. Bei den Märschen sind immer wieder Provokationen gegenüber der jeweiligen anderen Seite zu sehen, die dann leider häufig in Straßenschlachten enden können.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch, dass im Anschluss an die Ereignisse betreffend Jakob II. und Wilhelm von Oranien auch Restriktionen gegen die irische Bevölkerung eingeführt wurden, die sogenannten Penal Laws. Eine nationale Versöhnung, wie sie heute oft versucht wird, gab es damals nicht.

Union mit England, Hungersnot und Aufstände

Nach weiteren irischen Rebellionen kam es im Jahr 1801 kam es schließlich zur Abschaffung des irischen Parlamentes durch den Act of Union. Das Vereinigte Königreich nannte sich von nun an Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Irland. Prägend für das Verhältnis von Irland und England war in der Folge sicherlich auch die große Hungersnot 1846-1849, bei der sich die irische Bevölkerung um 2,5 Millionen reduzierte und England praktisch keine Hilfe leistete. In der Zwischenzeit kam es immer wieder auch zu Rebellionen gegen die englische Herrschaft in Irland, wobei auch hier auf einzelne Ereignisse alleine aufgrund des Umfanges dieses Beitrages nicht eingegangen werden kann. Eine wichtige Bewegung war aber die sogenannte Home Rule League, die sich für die Home Rule in Irland einsetzte, das heißt die Forderung nach Selbstverwaltung in Irland, wobei dies auf unionistisch-protestantischer Seite, d.h. überwiegend in Ulster, abgelehnt wurde. Im entfernteren Sinne vergleichbar ist die Home Rule mit der heutigen Devolution Gesetzgebung in Wales, Schottland und Nordirland. Nach mehreren gescheiterten Anläufen und massivem Widerstand aus Ulster wurde die Home Rule 1914 verabschiedet und Irland eine Verfassung und Selbstverwaltung zugestanden. Aufgrund des Ausbruches des ersten Weltkrieges wurde dies jedoch nie vollständig umgesetzt.

Easter Rising, Unabhängigkeitskrieg und der Treaty

An Ostern 1916 kam es schließlich zum sogenannten Easter Rising. Paramilitärische Gruppen, wie die Irish Volunteers besetzten u.a. in Dublin an Ostern 1916 verschiedene strategisch wichtige Punkte und riefen die Republik aus. Die englische Reaktion erfolgte mit aller Härte und die Rädelsführer des Aufstandes wurden, nachdem innerhalb einer Woche das Rising niedergeschlagen wurde, hingerichtet. Durch die harsche englische Reaktion erlangten die Hingerichteten den Heldenstatus und die ursprünglich in dieser Form nicht vorhandene Unterstützung durch die Zivilbevölkerung. Bei den Wahlen zum britischen Unterhaus erlangte Sinn Féin, welches mittlerweile die republikanische Bewegung repräsentierte, einen Großteil der Mandate und gründete das First Dáil, das erste irische Parlament. In Nordirland wurde dies dementsprechend mit großer Sorge von der unionistischen Seite gesehen. Ab 1919 kam es schließlich zum Guerilla-Krieg in Irland gegen England, der 1921 zum anglo-irischen Vertrag, dem sogenannten Treaty, führte, der für 26 der 32 Countys die Unabhängigkeit von Großbritannien bedeuten sollte. Die 26 Countys bildeten den Irish Free State. Die restlichen sechs Countys bilden das heutige Nordirland, welches sich weiterhin für die Union mit dem Vereinigten Königreich entschieden hatte. Es folgte schließlich der irische Bürgerkrieg im Free State, da Teile der bis dahin vereinigt gegen England kämpfenden IRA sich nicht mit dem Treaty einverstanden zeigten. Interessanterweise lag dies weniger an der Teilung Irlands, die auch nur als vorübergehend gesehen wurde, sondern vielmehr am Eid auf den englischen König, den der Free State als verbleibend im Commonwealth leisten musste und dem damit verbundenen Nichterreichen der Republik. Der Free State konnte den circa ein Jahr dauernden Krieg, der mehr Opfer als der Unabhängigkeitskrieg fordern sollte, 1923 für sich entscheiden. 1949 wurde der Free State schließlich doch zur Republik und trat aus dem Commonwealth aus.

Die Troubles

1966 und die Neuformierung der Ulster Volunteer Force, einer protestantischen paramilitärischen Gruppe, werden häufig als Ausgangspunkt der sogenannten Troubles genannt. Die protestantische Seite hatte sich durch Gesetzgebung die Mehrheit im Parlament gesichert und bevorzugte ihre Schützlinge. 1966 gab es dann die Angst, dass es zum 50jährigen Jubiläum des Easter Rising wieder zu Spannungen kommt. Dies wird als der Beginn der Gewaltspirale von beiden Seiten gesehen. Zwischendrin kam es dabei auch zur Auflösung des nordirischen Parlamentes und der Direct Rule von London. Der Konflikt zwischen Unionisten und Republikanern forderte mehrere tausend Todesopfer und ging als einer der blutigsten in die Geschichte ein. An dieser Stelle soll nunmehr nicht auf einzelne Ereignisse eingegangen werden. Während den Troubles kann man aber festhalten, dass es zwei Interessenlager gab, die noch heute bestehen und sich auch in den Jahrhunderten zuvor etabliert hatten. Die irische-republikanische Seite, die eine Vereinigung mit dem Süden der Insel anstrebt und die unionistische Seite, die den Status quo als Teil des Vereinigten Königreichs beibehalten will.

Das Karfreitagsabkommen

Das Karfreitagsabkommen von 1998 sorgte schließlich für erstmal für Frieden in Nordirland. Die katholische Seite wurde auch in die Arbeit des Parlamentes einbezogen, so ist im Abkommen vereinbart, dass immer von beiden Seiten die Macht geteilt wird, d.h. das Amt des Regierungschefs und des Vizeregierungschefs nicht in einer Hand, entweder der protestantischen oder katholischen Seite, liegen kann. Ebenfalls verzichtete die Republik Irland in der Verfassung auf seinen Anspruch auf Nordirland, währenddessen anerkannt wurde, dass die aktuelle Mehrheit in Nordirland Teil des Vereinigten Königreichs bleiben will, die Mehrheit auf der irischen Insel aber für ein Vereintes Irland ist. Entscheidet sich eine Mehrheit in Nordirland für eine Vereinigung mit der Republik Irland, wird das Vereinigte Königreich dies aber akzeptieren. Eine Reihe weiterer Vereinbarungen, wie die Entwaffnung der Paramilitärs auf beiden Seiten, erfolgte ebenso. Sehr wichtig für das Verständnis des Karfreitagsabkommens ist, dass die gesamten geschichtlichen Ausführungen, die hier gemacht wurden, Teil der Auseinandersetzung während den Verhandlungen mit beiden Seiten waren. Während der Verhandlungen wurde über Ereignisse aus dem 17. Jahrhundert aktiv diskutiert (wobei beide Seiten nicht an einem Tisch verhandelten, sondern sich in getrennten Räumen befanden und der Austausch über Dritte, wie die englischen Vertreter, erfolgte). Ohne das Hintergrundwissen um den Konflikt und die historischen Ereignisse und wie diese von beiden Seiten interpretiert wurden, gäbe es kein Karfreitagsabkommen. Spannendes Hintergrundwissen zu den Verhandlungen findet sich dabei im Buch “Great Hatred, Little Room: Making Peace in Northern Ireland“ des früheren Downing Street Chief of Staff Jonathan Powell, der einer der wichtigsten Verhandler des Abkommens war.

Brexit

Aktuell durchlebt Nordirland eine Krise und steht ohne Regierung da. London lehnt aber auch vor dem Hintergrund des immer noch brüchigen Friedens die Direct Rule ab. Ich selbst bin das erste Mal 2009 in Belfast und Nordirland überhaupt gewesen und habe diesen Teil der Insel auch mehrmals besucht und schätzen gelernt. Man sieht dennoch überall noch die Spuren des Konfliktes. In diesen Prozess der Heilung der Wunden platzte schließlich der Brexit. Die DUP, die nordirische Partei, mit der die Tories eine Koalition im Unterhaus haben, ist dabei strikt gegen die Back-Stop-Lösung, d.h. den Verbleib Nordirlands im Binnenmarkt, bis ein Abkommen mit der EU geschlossen ist. Ulster hat immer noch eine starke englische Prägung, ausgehend von den Plantations im 17. Jahrhundert. Die Angst bei der DUP ist sicherlich die Schwächung der Union mit Großbritannien und eine Vereinigung mit Irland, die den Einfluss der DUP stark senken würde. Auf der anderen Seite besteht auf der republikanischen Seite die Sorge, dass ein harter Brexit das Ziel eines vereinten Irlands in weite Ferne rücken würde. Für die republikanische Seite ist der Back-Stop eine bevorzugte Lösung, bis eine andere Lösung gefunden wird, wenn es nicht doch noch zum Exit vom Brexit kommen sollte.

Fazit

Die irische und die englische Geschichte sind stark miteinander verflochten. Doch zeigen sich massive Gegensätze, die zu Konflikten bis in die heutige Zeit führen. Mit den jüngsten Unruhen und der damit verbundenen Ermordung einer Journalistin, flammen wieder Ängste auf, dass die Gewalt in Nordirland wieder eskalieren wird. Der Brexit, der zwei unterschiedliche Ängste stark berührt, verstärkt diese Sorgen nur noch. Man kann nur hoffen, dass einige Wenige nicht dafür sorgen, dass der Friedensprozess sich umkehrt und es wieder zu einer Eskalation der Gewalt kommen mag, wie sie vorallem noch aus den 60ern und 70ern bekannt sind. Die absolute Mehrheit der nordirischen Bevölkerung möchte gerade keine Gewalt. Um diese jedoch wirklich verhindern zu können, ist auch bei den Entscheidern ein gutes Wissen um die historische Dimension des Konfliktes notwendig. Nur so können beide Seiten adressiert und der Frieden sowie das Karfreitagsabkommenbewahrt werden.

One Reply to “Die Geschichte der irischen Teilung – ein Überblick”

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.