Das Referendariat – oder wie Juristen wieder Kommunikationsfähig werden

Vier bis fünf Jahre lang war das prägende Element in unserem Leben das erste Examen. Wir haben Lehrbücher, Skripte und Urteile verschlungen, Repetitorien besucht und Lerngruppen gebildet.

Natürlich ging das nicht spurlos an uns vorbei und bei vielen von uns hat es erheblichen Einfluss auf Gesprächsthemen und Wortwahl gehabt. So wiesen wir unsere Freunde regelmäßig darauf hin, dass sie Eigentümer und nicht Besitzer ihres Fahrrades sind und dass sie Besitzer, aber nicht Eigentümer ihrer Mietwohnung sind. Während einige unserer Freunde das zu Beginn sicherlich noch ganz amüsant fanden und es unter „diese Juristen“ abgetan haben, so wurde die Wahl eines geeigneten Gesprächsthemas mit näher rückendem Examen doch immer schwieriger. Plötzlich konnten sich unsere Freunde nicht einmal mehr ihr wohlverdientes Feierabendbier kaufen ohne, dass wir eine Diskussion über die rechtliche Einordnung des Flaschenpfandes begannen. Ganz schlimm wurde es, wenn Freunde erwähnten, dass sie sich etwas Neues gekauft haben und es jetzt kaputt ist. Stundenlange Ausführungen über die Mängelrechte im Verbrauchsgüterkauf waren die Folge, natürlich inklusive aller Streitstände und Mindermeinungen, die man gerade parat hatte. Rollende Augen und klägliche Versuche das Thema zu wechseln waren an der Tagesordnung. Und hin und wieder in einem klaren Moment nahm man sich vor beim nächsten Mal keine juristischen Themen anzusprechen, aber es kam wie es kommen musste und irgendjemand in der Runde machte einen Kommentar dazu, dass Person X aus dem Zeitungsbericht ganz klar ein Mörder sei. Das konnte man doch unmöglich so stehen lassen, hatte man doch just an diesem Tag den Meinungsstreit zum Verhältnis zwischen Mord und Totschlag wiederholt und sich intensiv mit den Mordmerkmalen auseinandergesetzt. Das musste doch geteilt werden und was machen schon ein paar verdrehte Augen, wenn man der Welt Jura ein wenig näherbringen kann! Da war sie, die Last der Jurastudenten, Tag für Tag lernte man, mal mehr mal weniger, spannende Dinge, doch außerhalb des juristischen Freundeskreises hielt sich die Begeisterung für diese Themen nach kurzer Zeit doch eher in Grenzen.

Doch zum Glück rettet uns und unsere Freunde das Referendariat. Endlich sind wir Praktiker oder zumindest auf dem besten Weg dahin. Vorbei die Zeiten, in denen wir seitenweise Aufsätze zu Meinungsstreiten lesen, die der BGH im besten Fall mit einer kleinen Randnotiz würdigt. Vorbei auch die Zeiten, in denen wir uns mit absurden Fällen auseinandersetzen, deren einziger Zweck es ist möglichst viele Probleme unterzubringen. Jetzt sitzen wir in Verhandlungen, sind Richtern, Staatsanwälten und Anwälten unterstellt und arbeiten an echten Fällen. Was gestern noch in den Medien zu lesen war, liegt heute vielleicht schon auf unserem Schreibtisch und plötzlich haben wir wieder Dinge zu erzählen, die unsere Freunde wirklich interessieren. Nicht, weil sie zwangsläufig interessanter sind als die Abgrenzung von Besitz und Eigentum, sondern weil sie lebensnäher sind. Wir verlassen die, wenn auch sehr angenehme, Blase der juristischen Dogmatik und begeben uns in die Realität, natürlich ohne dabei die juristische Dogmatik ganz zu vergessen. Vieles, was wir im Studium gelernt haben wird in eine neue Perspektive gerückt und die Bedeutung vieler Dinge, die wir gelernt haben, verschiebt sich. Aber, und die Bedeutung dieses Effekts ist nicht zu unterschätzen, wir werden wieder Kommunikationsfähig für die nichtjuristische Welt. Denn während ein epischer Vortrag zum Verhältnis von Mord und Totschlag vielleicht noch Augendrehen geführt hat, so stoßen Ausführungen zu den Abläufen vor Gericht doch auf großes Interesse.

Vorbei die Zeiten, in den wir von abstrakten Fällen gesprochen haben, die höchstens aufgrund ihrer Abwegigkeit zu kurzem Interesse geführt haben. Jetzt können wir etwas aus dem wirklichen juristischen Alltag erzählen. Verhandlungen, Zeugenvernehmungen, absurde Sachverhalte aus dem echten Leben, unsere Freunde freuen sich wieder auf unsere Erzählungen. Und wenn wir ganz ehrlich sind, sollten wir das genießen, denn früh genug wird der Druck vor dem zweiten Examen wieder größer und man kehrt endgültig zurück in seine Blase der abstrakten Klausursachverhalte.

Bis es soweit ist, sollte man jedoch die abwechslungsreiche Arbeit in den verschiedenen Stationen dazu nutzen Erfahrungen fürs Leben zu sammeln. Denn eines ist gewiss, nur wer in der echten Welt etwas erlebt hat, der hat auch etwas zu erzählen.

 

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