Personen befragen und die Wahrheit herausfinden – wie geht das?

Im Strafprozess spielt die Befragung von Angeklagten und Zeugen eine wichtige Rolle bei der Wahrheitsfindung. Aber auch im Zivilprozess gehören Parteivernehmung und Zeugenaussagen zu den Beweismitteln. So groß die Bedeutung der Befragung von Personen im konkreten Fall sein kann, so schwierig ist es auch, Fragen richtig zu stellen und die Antworten korrekt zu bewerten. Nicht zuletzt liegt das daran, dass wir als Juristinnen und Juristen in der Regel keinerlei psychologische Ausbildung hinter uns haben. Allenfalls erhalten wir im Referendariat kurz vor dem ersten Sitzungsdienst eine schnelle Einführung in die Thematik. Einen ersten Einblick in Aussagepsychologie und Beweiswürdigung möchte ich in diesem Artikel geben.

 

Was macht den Personalbeweis so problematisch?

Zu Beginn ein einfaches Experiment: Rufe dir den größten deiner Hörsäle an der Uni in Erinnerung. Wie sieht seine Eingangstür aus? Stell dir vor, du müsstest in diesem Moment vor Gericht diese Tür beschreiben.
Sehr wahrscheinlich wirst du feststellen, dass deine Antwort auf diese vermeintlich einfache Frage eher dürftig ausfällt. Und das, obwohl du diese Tür schon etliche Male, vielleicht zuletzt vor ganz kurzer Zeit, passiert hast. Aber woran liegt das?

Schon die Wahrnehmung eines Sachverhalts kann aus unterschiedlichsten Gründen verzerrt sein und von der objektiven Wahrheit abweichen. Im Falle deiner Hörsaaltür ist es wahrscheinlich, dass du ihr nie irgendwelche Aufmerksamkeit geschenkt hast und deine Interessen immer ganz woanders lagen, wenn du sie durchschritten hast. Solltest du dagegen zu den wenigen gehören, die ein besonders denkwürdiges Erlebnis mit dieser Tür verbinden, wirst du dich wesentlich besser erinnern können, weil du sie einmal ganz bewusst wahrgenommen hast. Die Interessenlage ist nur einer von vielen denkbaren Einflüssen. Wer einen Sachverhalt nur für kurze Zeit beobachtet, nimmt in der Regel weniger davon wahr als jemand, der dies über längere Zeit tut. Umgekehrt kann es die Wahrnehmung eines Einzelfalls einschränken, wenn jemand ständig viele Situationen erlebt, die diesem Fall ähnlich sind. Schließlich können persönliche Vorurteile dazu führen, dass etwas von Anfang an anders wahrgenommen wird als das tatsächliche Geschehen.

Nach der Wahrnehmung erfolgt die Speicherung des Sachverhalts. Dabei funktioniert unser Gedächtnis oft schlechter, als wir es uns vorstellen wollen. Auch hier ist entscheidend, wie wichtig das Erlebte für uns persönlich war. Auch können Erinnerungen verfälscht werden. Vielleicht treffen wir – spätestens vor dem Gerichtssaal – andere Zeugen und reden mit ihnen über den Vorfall, vielleicht lesen wir in den Medien etwas zu dem, was wir beobachtet haben. Schon haben wir ein Bild vor dem inneren Auge, das wir so nie gesehen haben.

Schließlich kann auch die Wiedergabe des Erlebten problematisch sein. Vor Gericht zu stehen, ist, auch für unbeteiligte Zeugen, ein einschüchterndes Erlebnis, was sich auf das Aussageverhalten auswirken kann. Im Extremfall ist jemand so nervös, dass es wirkt, als stimme etwas mit der Aussage nicht. Missverständnisse zwischen Fragenden und Antwortenden können nicht ausgeschlossen werden. Kommt noch ein Dolmetscher hinzu, gibt es noch eine weitere potentielle Fehlerquelle.

Alles in allem kann selbst der redlichste Zeuge eine Aussage liefern, die weit entfernt von der Wahrheit ist. Davon abgesehen gibt es natürlich genug Beschuldigte und Zeugen, die ein Interesse daran haben, die Wahrheit mehr oder weniger zu entstellen. Selbst sie müssen nicht einmal bewusst lügen: Unser Gedächtnis neigt dazu, uns schon vor uns selber in ein positives Licht zu rücken, selbst, wenn das mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat.

 

Richtiges Befragen

In den Prozess der Wahrnehmung und Speicherung des Sachverhaltes können Vernehmungspersonen selbstverständlich nicht eingreifen. Bei der Reproduktion können folgende Regeln hilfreich sein.

Offene Fragen stellen
Am besten sind sogenannte W-Fragen („Wer, wo, wie, was, warum“).

Ja-/Nein-Fragen vermeiden

Suggestivfragen vermeiden
Eine Frage wie „Woran haben Sie bemerkt, dass der Fahrer betrunken war?“ ist fehl am Platz, solange der Zeuge noch nicht einmal erwähnt hat, dass ihm der Fahrer betrunken vorkam. Auf diese Weise wird eine Wahrnehmung suggeriert, die vielleicht gar nicht vorhanden ist.

Fragen vermeiden, die Rückschlüsse oder Wertungen erfordern
Hier geht es nicht mehr um den erlebten Sachverhalt.

Nicht unnötig verunsichern
Von Anfang an misstrauisch zu sein oder Vorhalte zu machen („Während Ihr Freund verprügelt wurde, haben Sie also seelenruhig zugeschaut?“) kann eine Vernehmungsatmosphäre schaffen, in der man nur noch Rechtfertigungen, aber wenig von der Wahrheit zu hören bekommt. Juristische oder andere Fachbegriffe können Verwirrung stiften und zu Missverständnissen führen.

Lange genug schweigen
Auch lange Ausführungen sollten nicht zu früh unterbrochen werden. Bei Zeugen und Beschuldigten, die sich besonders wortkarg geben, kann eine unangenehme Pause das Mittel sein, dass sie endlich ins Reden bringt.

 

Bewertung der Aussage

Auch, wenn es hier nie absolute Gewissheit geben kann, gibt es ein paar Realitätskriterien, die für die Glaubhaftigkeit einer Aussage sprechen. Dazu gehören:

– Anschauliche und detailreiche Angaben, Erwähnung von Einzelheiten

– Schilderung eigener Wahrnehmung (eigene Gefühle und Gedanken zum Erlebten)

– Widerspruchsfreiheit über einen langen Zeitraum hinweg

– Spontane Selbstkorrekturen (Sie können dafür sprechen, dass der Vorfall selbst wahrgenommen und abgespeichert, nicht etwa für das Gericht ein Vortrag auswendig gelernt wurde.)

 

Sogenannte Lügensignale können dagegen sein:

– Verlegenheit und Nervosität (Aber Achtung: Diese können auch aus anderen Gründen bestehen.)

– Unpräzise, nur abstrakte Darstellungen

– Erhebliche Widersprüchlichkeit

– Deutlicher Belastungseifer und Eigeninteresse am Ausgang des Verfahrens

– Übertriebene Bestimmtheit (Aussagen wie „Darauf würde ich einen Eid schwören“ sind mit Vorsicht zu behandeln.)

– Defensivhaltung und Rechtfertigungen, ohne dass ein Vorwurf gemacht wurde

 

All das ist natürlich kein Rezept, das man auf jeden Einzelfall anwenden könnte. Vor allem ein grundlegendes Verständnis dafür, dass Aussagen nur ein schwaches Abbild der Realität liefern können, ist hilfreich, wenn die Vernehmung richtig gestaltet und die Glaubhaftigkeit der Aussage geprüft werden soll.

Wenn du dein Wissen vertiefen willst, wirst du feststellen, dass das Thema Aussagepsychologie ganze Bücher in Uni- und Gerichtsbibliotheken füllt. Ein Blick über den berühmten juristischen Tellerrand lohnt sich und kann sogar Spaß machen.

 

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