„Blackout“ vermeiden – Warum Rituale in der Prüfung helfen

Jeder Jurastudent kennt die Prüfungssituation. Und niemand mag sie. Sobald in der Klausur für einen der Scheine oder im ersten oder zweiten Examen der Sachverhalt ausgeteilt ist, steigt bei vielen der Adrenalinspiegel. Bei mancher Person mag dies im schlimmsten Fall sogar zu Panik und Schreibblockaden oder gar kompletten Blackouts führen. Doch es gibt Tricks die helfen, die Nervosität zu verringern und Blackouts zu vermeiden. Eine Rolle spielen dabei Rituale.

Die Blackout-Situation

Klausuren können unangenehm sein und dann schiefgehen. Eines muss man dabei aber ja sagen, am Wissen mangelt es meist nicht, sondern an der Form es auf Papier zu bringen, die Zeit gut zu managen oder manchmal schlicht und einfach an der Tagesform. Manchmal ist es aber auch einfach das Thema der Klausur. Soviel kann man aber in jedem Fall sagen, der erste Gedanke in der Klausur ist eigentlich immer „Mist, ausgerechnet Kaufrecht, Art. 5, Gesellschaftsrecht, Hypothek, Verkehrsdelikte, etc…“. Niemand freut sich in der Regel über das Klausurthema. Und manchmal gibt es die Fälle, dass ein Thema drankommt, dass man sowieso nicht mag. Einige mögen dann von der Grundnervosität, die meist da ist, in Panik geraten, was zu Unaufmerksamkeit führt, die wiederum zu Fehlern und Unsicherheit führt. Plötzlich fällt das, was man vielleicht noch am Tag zuvor in der Lernapp gesehen hat, einem nicht mehr ein.  Die Klausur wirkt plötzlich, als sei der Sachverhalt in Suomi geschrieben und im Raum ist es plötzlich so warm, dass der Hitzekoller selbst beim Schreiben des Examens im Februar auftritt und alles dreht sich, als habe man fünf belgische Bier getrunken. Und dann ist es um die Klausur geschehen…

Der Weg zum guten Gefühl in der Klausur

Doch es gibt eine Lösung für dieses Problem. Als ich mich auf das erste Examen vorbereitet habe, gab es auch mal die Phase, in der Übungsklausuren nicht wirklich „rund“ liefen. Natürlich nervt das jeden Studenten. Ich hatte das Glück, dass einer meiner Professoren aus dem Schwerpunkt sich einmal eine Stunde Zeit für mich nahm und in dieser Frustsituation über die Klausuren und die Technik mit mir redete. Dabei gab er mir einen sehr wertvollen Tipp: „Ich solle doch, Rituale entwickeln, wenn ich dies noch nicht habe.“ Er erzählte mir dabei aus seiner Studentenzeit. Er habe immer in der Klausur eine Flasche Orangensaft dabeigehabt und diese getrunken. Das würde jetzt zwar auf den ersten Blick komisch klingen und hätte auch bei einigen Kommilitonen für spöttische Blicke gesorgt, er habe aber dies gebraucht, damit er sich wohl fühlt. Er habe dann Zeiten für das Schreiben und Gliedern für sich passend festgelegt und währenddessen seinen Saft getrunken sowie immer zur gleichen Zeit mit dem Schreiben angefangen. Dadurch, dass mein Professor immer zumindest einen festen Ablauf hatte, erzählte er mir, dass er sich sicher gefühlt hat. Er hatte auch immer das gleiche Essen dabei und wusste dadurch zumindest in dieser Hinsicht im zeitlichen Ablauf, was ihn erwarten würde. Er gab mir daher den Rat, mir auch Rituale zu suchen und es einfach mal zu versuchen.

Diesen Rat habe ich mir dann zu Herzen genommen und ausprobiert.

Der Eigenversuch

Ich habe mir dann überlegt, ob ich denn schon Rituale habe. Unbewusst hatte ich diese. So wusste ich, dass ich während meiner Klausur meinen Colamix zum Trinken dabeihaben musste (ja, deutlich weniger gesund als Orangensaft), ebenso habe ich mir dann angewöhnt meine Banane nach der zweiten detaillierten Lektüre des Sachverhaltes (nachdem er einmal einfach gelesen wurde) zu essen und nach spätestens einer Stunde mit dem Gliedern aufzuhören und zu schreiben. Dies habe ich dann auch konsequent durchgezogen und schon nach ein bis zwei Monaten waren diese Punkte so drin, dass es einem tatsächlich ein besseres Gefühl gab. Ich habe zwar auch zuvor nie in einer Klausur Panik bekommen, aber die Rituale haben dafür gesorgt, dass ich deutlich ruhiger geschrieben habe und auch besser wusste was mich in zeitlicher Hinsicht erwartet. Die Frage, sollte ich anfangen zu schreiben oder noch weiter gliedern hat sich nicht mehr gestellt. Gleichzeitig wurde das Gehirn einfach nicht mehr mit diesen Fragen belastet und hatte Kapazitäten frei. Die Banane wurde immer zur gleichen Zeit gegessen, mehr Gedanken machte ich mir darüber nicht. Nach einer Stunde habe ich mit dem Schreiben angefangen, auch wenn die Gliederung noch nicht ganz fertig war. Darüber habe ich auch irgendwann nicht mehr nachgedacht. Vor allem bei Themen, die man nicht so gerne hatte, hat dies sehr geholfen. Aber auch bei schwierigen Klausuren, mit unbekannten Problemen. Es fiel mir doch sehr viel leichter, mich auf die Themen zu konzentrieren, da alle anderen Punkte im Ablauf schon feststanden.

Der Hintergrund für Rituale

Das klingt jetzt komisch, denn wieso sollte meine Entscheidung, wann ich eine Banane esse, mein Gehirn belasten und Konzentration kosten. Hier sei aber nur gesagt, dass z.B. Steve Jobs und Mark Zuckerberg auch auf diesen Punkt zurückgreifen bzw. griffen – und zwar jeden Morgen beim Griff in den Kleiderschrank. Die Frage, was man anzieht, ist immer eine Frage, die dem Gehirn eine Entscheidung abnötigt, mag sie auch noch so einfach klingen. Indem man dem Gehirn Entscheidungen abnimmt, muss es sich auf diesen Punkt nicht mehr konzentrieren. Deswegen trägt Mark Zuckerberg immer das gleiche T-Shirt oder sah man Steve Jobs immer im Rollkragenpullover. Und deshalb hat man Rituale in der Klausur. Man nimmt dem Gehirn kleine, eigentlich nebensächliche Entscheidungen ab und setzt mehr Kapazität für die Lösung eines dringenden Problems, nämlich dem Sachverhalt in der Klausur frei.

Auch ist man mit einem Punkt in der Klausur vertraut. Egal was drankommt, man versetzt sich in der Klausur doch leichter in eine ruhigere Lage, auch wenn der Sachverhalt kompliziert ist. Man kennt die Situation und ist zumindest in einigen Abläufen sicherer, als andere, die keine Rituale haben.

Die Wahl des Rituals

Welches Ritual wählt man nun? Einfache Antwort – das Ritual, dass zu einem passt. Ob man nach der Gliederung auf die Toilette geht, das Stofftier von Freundin oder Freund drückt, eine Tafel Schokolade isst, erlaubt ist was hilft und in der Klausur erlaubt ist. Hier muss jede Person ihr eigenes Ritual finden. Hier ist nur wichtig, dass man es frühzeitig findet. Ein halbes Jahr vor dem Examen sollte es schon feststehen – drei Wochen vor dem Examen ist die Routine einfach nicht garantiert und das Ganze nicht halb so sinnvoll. Hier darf man auch keine Angst haben. Manche denken sich, die Banane zu essen dauert zwei Minuten, diese fehlen mir in der Klausur, daher kann ich das nicht machen. Man sollte eines Bedenken, die Ruhe die man gewinnt, indem man nicht in Panik verfällt oder sich mit der Frage belastet, könnte mich die Banane jetzt zwei Minuten Zeit kosten, gewinnt einem auch Zeit. Nervosität und Unsicherheit machen langsamer, so mag der scheinbare Zeitverlust in Wirklichkeit sogar mehr Zeit sparen!

Rituale außerhalb der Klausur

Helfen können natürlich auch Rituale außerhalb der Klausur. Es gibt eine berühmte Rede von US Admiral William H. McRaven, in der er sagte, dass, wenn man die Welt verändern möchte, man mit dem Machen seines Bettes anfangen soll. Jeden Morgen hat er ordentlich sein Bett gemacht. Dies macht aber nicht nur als Metapher in seiner Rede Sinn, sondern tatsächlich. Wer morgens das Bett macht, hat das erste Erfolgserlebnis des Tages – der Tag startet besser. Einfache Psychologie, aber „brainfood“ auf andere Art, man nimmt ein erstes kleines Erfolgserlebnis am Morgen zu sich.

Fazit

Mir selbst haben die Rituale sehr geholfen und auch heute habe ich einfache Routinen für bestimmte Vorgänge. Natürlich kann kein Ritual das Lernen ersetzen – aber jedes Ritual kann helfen die Prüfungssituation doch einfacher zu machen. Ich habe viele AGs geleitet und da auch meinen Studenten diesen Tipp gegeben. Von denen, von denen ich weiß, dass sie es befolgt haben, habe ich immer gesagt bekommen, dass dies hilfreich war und einigen meiner „ganz nervösen“ Studenten hat dies viel Sicherheit gegeben. Kleine Maßnahmen – große Wirkung.

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