Meine „Auszeit“ nach dem ersten Examen? Ein Auslandspraktikum in Brüssel!

Wer möchte nach all den anstrengenden und nervenaufreibenden Monaten der Examensvorbereitung und dem stressigen Klausuren-Marathon nicht endlich einmal wieder vollkommen ausspannen und sich eine kleine (juristische) Auszeit nehmen? 
Sicherlich niemand würde diese Option ausschlagen, zumal unser Körper und unser psychisches Wohlbefinden nach dieser Belastung dringend eine ausgiebige Erholung benötigen.  

Schon während des tagtäglichen Lernens träumen die meisten Examenskandidaten vermutlich schon von einem ausgiebigen Strandurlaub oder auch von einem mehrwöchigen Backpacking-Trip für die Zeit zwischen dem schriftlichen Examen und der mündlichen Prüfung. Die Aussicht, sich mal wieder ausgiebig erholt zu fühlen, keinen Druck mehr zu verspüren, in den Tag hineinzuleben und sich für die Dinge Zeit zu nehmen, die man schon seit Monaten aufschiebt bis man endlich wieder etwas mehr Luft hat, ist einfach unschlagbar – so gerne wir unsere „Juristerei“ auch haben. Außerdem lernt es sich mit einem klaren Ziel vor Augen natürlich auch viel leichter. 

Auch ich sah meine Auszeit nach dem schriftlichen Examen vergangenen September schon seit längerer Zeit in meinem Kopf vor mir, wobei diese von dem beschriebenen typischen Bild des „Nichtstuns“ abwich. Schon seit dem Ende meines Auslandssemesters, welches ich nach meinem vierten Semester in Helsinki verbracht habe, reifte in mir der Wunsch eines erneuten mehrmonatigen Auslandsaufenthalts. Ich wollte noch einmal meiner täglichen Routine entfliehen, neue Kontakte knüpfen, ein neues Rechtssystem kennenlernen und meine internationalen Erfahrungen erweitern, weshalb mir ein Praktikum in einer Kanzlei im Ausland hierfür sehr geeignet erschien. 

So kam es, dass ich ca. ein halbes Jahr vor meinem Examenstermin nach europäischen Kanzleien im Internet Ausschau hielt, die nicht nur einheimischen Studierenden die Möglichkeit eines Praktikums bieten, sondern auch offen für internationale Praktikanten sind. Dies gestaltete sich gar nicht so einfach, da neben Englisch auch häufig zwingend die umfassende Kenntnis der jeweiligen Sprache des Landes vorausgesetzt wurde, ich aber eine solche Fähigkeit nicht aufweisen konnte. Neben einigen Initiativbewerbungen nutzte ich auch das STEP-Praktikantenprogramm von ELSA Deutschland e.V., welches mir letztendlich auch zu Erfolg verhalf. Ich bewarb mich hierüber in einer italienischen und einer belgischen Kanzlei, wobei ich von letzterer eine positive Rückmeldung bekam. Hierüber war sich sehr glücklich, gerade auch weil mir Brüssel während eines Kurztrips in der Vergangenheit sehr gut gefallen hat. 

Meine Vorbereitungen für mein dreimonatiges Auslandspraktikum hielten sich während meiner Examensvorbereitung in Grenzen. Ich fand in einer Wohnungsgruppe für Brüssel auf Facebook relativ schnell ein schönes Zimmer in einer 2er-WG mit einer Französin, die an der französischsprachigen Universität in Brüssel studiert. Ebenso nutzte ich das ERASMUS-Angebot für eine finanzielle Förderung meines Praktikums, für welche ich lediglich ein paar Unterlagen (u.a. Versicherungspolicen) an meiner Universität einreichen musste. 

Meine Vorfreude auf den Herbst war fortan groß und so ließen sich auch die verbleibenden Sommermonate der Examensvorbereitung noch überstehen. Nach meinen schriftlichen Klausuren und einem kurzen einwöchigen Heimaturlaub bei meinen Eltern startete sodann auch endlich meine richtige Auszeit. 

Zunächst besuchte ich im Vorfeld meines Praktikums einen zweiwöchigen Französisch-Sprachkurs in Brüssel, da ich die Sprache schon seit längerer Zeit lernen wollte. Ebenso konnte ich so bereits ein paar Kontakte vor Ort knüpfen. Sodann schloss sich mein Abenteuer Auslandspraktikum an. 

Die Kanzlei, in der ich mein Praktikum absolvierte war eine international ausgerichtete Kanzlei für Wirtschaftsrecht und Unternehmensrecht, die sich insbesondere auf die Begleitung von deutschsprachigen Unternehmen bei ihrem unternehmerischen Engagement in Belgien spezialisiert hat. Faszinierend war für mich insbesondere die Sprachenvielfalt der dort tätigen sechs Anwälte. Es beeindruckte mich jeden Tag aufs Neue, dass diese viersprachig arbeiten (Deutsch, Französisch, Niederländisch und Englisch). Die Gerichtssprachen in Brüssel sind Französisch und Niederländisch, sodass die Schriftsätze und andere Anträge stets in einer der beiden Sprachen verfasst werden – je nachdem welche Kammer des jeweiligen Gerichts zuständig ist. Die Korrespondenz mit den Mandaten erfolgte dagegen überwiegend auf Deutsch und Englisch. So konnte ich mich trotz meiner nur anfänglichen Sprachkenntnisse in Französisch und Niederländisch sehr gut in die Kanzlei einbringen. 

Als Praktikantin widmete ich mich verstärkt Recherchen hinsichtlich rechtlicher Fragestellungen, bereitete Stellungnahmen für Mandaten vor und unterstützte die Anwälte bei der Erstellung von Schriftsätzen. So bekam ich Einblicke in das belgische Recht, insbesondere das hiesige Handelsrecht. Daneben beschäftigte ich mich auch mit Unionsrecht (speziell den Verordnungen Rom I und II, Brüssel Ia). Außerdem kam mein Vorgesetzter auf mich zurück, sofern (teilweise) deutsches Recht auf den Sachverhalt anwendbar war. Ein Teil meiner Tätigkeit war es auch, Übersetzungen anzufertigen. Interessant zu sehen war ebenso der Ablauf belgischer Gerichtsverfahren. Ich konnte als Zuhörerin an insgesamt drei Verhandlungen teilnehmen, wovon zwei in französischer Sprache und eine in Niederländisch abgehalten wurden. 

Insgesamt tat es sehr gut diese neuen Erfahrungen zu sammeln, gerade auch, weil jedes Land trotz all der europarechtlichen Überformungen sein eigenes System verfolgt und seine Eigenarten vorweist. Zudem unterscheidet sich die Praxis der Anwälte in Belgien oftmals erheblich von der der deutschen Anwälte. 

Doch während meines Aufenthalts in Belgien verbrachte ich meine Zeit nicht nur (wieder) mit Jura, vielmehr erkundete ich an den Abenden und den Wochenenden auch Brüssel und andere Orte. Mit einer aus Österreich stammenden Praktikantin, die wie ich in der Kanzlei tätig war, einer Freundin aus meinem Sprachkurs sowie meiner Mitbewohnerin besuchte ich die belgischen Städte Gent, Brügge, Ostende, Antwerpen, Lüttich, Namur und Löwen, aber auch Amsterdam, Utrecht und Paris. So bot sich mir die Möglichkeit, meine – wenn auch nicht juristische – Auszeit zumindest teilweise mit „Urlaub“ und Reisen zu verbinden. 

Schneller als gedacht neigte sich mein Auslandspraktikum wieder dem Ende zu und meine mündliche Prüfung stand vor der Tür. Ein kurzer Anflug von Panik, dass ich die vergangene Zeit auch für das Lernen für diese Hürde nutzen hätte können, kam zwar auf, allerdings trotze ich diesem, indem ich mir vor Augen hielt, dass nur sehr wenige diese Monate durchgängig für die Wiederholung des Lernstoffes für die mündliche Staatsprüfung verwenden. Noch dazu war ich nicht komplett vom deutschen Recht „weggewesen“ und die Zeit war dann doch zu kurz um „Alles“ zu vergessen. Zuletzt bietet sich einem dieselbe Situation, wenn man die Wahlstation des Referendariats im Ausland verbringt. 

Letztendlich muss jeder seine eigene Auszeit nach den harten Monaten der Examensvorbereitung finden. Auch benötigen einige mehr Zeit zur Regeneration, andere weniger. Wichtig ist meiner Ansicht nach nur, dass man sich eine Auszeit nimmt. Welche Form auch immer ihr also wählt, genießt es und erholt euch gut!

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