Mein Praktikum in einer kleinen Kanzlei

Die Studenten in Hessen sind dazu verpflichtet während des Studiums drei Praktika zu absolvieren. Es ist lediglich vorgegeben, eines hiervon bei Gericht zu absolvieren. Die anderen zwei sind frei wählbar. Ich habe mich beides mal dazu entschieden, das Praktikum bei verschiedenen Rechtsanwälten zu machen. Beide Male besuchte ich kleinere Kanzleien mit etwa zwei bis fünf Anwälten. Die Erfahrungen, die ich während der Praktika sammeln konnte, unterschieden sich aber in einigen bestimmten Punkten.

Praktikumssuche

Doch wie gestaltet sich die Suche, wenn man ein Praktikum beim Rechtsanwalt machen möchte. Hier kommt es darauf an, wie groß und populär die jeweilige Kanzlei ist. Wer zu einer Großkanzlei möchte, muss hierfür eine richtige Bewerbung schreiben. Ich hingegen, habe mich für kleinere Kanzleien entschieden. Bewusst, um auch mehr Kontakt zu dem jeweiligen Anwalt haben zu können. Hier war der Bewerbungsprozess leicht gestaltet. Ein Anruf genügte um in Erfahrung zu bringen, ob man ein Praktikum dort machen könne. Gefolgt von einem kurzen Vorstellungsgespräch, hauptsächlich weil die Anwälte wissen wollten, ob wir auf derselben Wellenlänge sind.

Der erste Tag

Dann stand der erste Tag bevor. Ich hatte keine Ahnung was die angemessene Kleidung als Praktikantin ist. Entschied mich dann für eine Mischung aus Casual und Office-Schick und machte mich auf den Weg. Total unnötig im Nachhinein, da meine normale Alltagskleidung genügt hätte. Am ersten Tag hatte ich nicht viele Aufgaben zu erledigen, sondern durfte erstmal in den Kanzleialltag reinschnuppern. So konnte ich zum Beispiel gleich zu einem Erstgespräch mit einem Mandanten mitkommen.

Das Mandantengespräch

Mandantengespräche können sich verschieden gestalten sowie Menschen nun mal verschieden sind. Der eine nutzt den Rechtsanwalt als eine Art Psychologen, dem er seine Lebensgeschichte ausbreiten möchte.  Der andere betrachtet den Anwalt als seinen persönlichen Peiniger, der ihm nur das Geld aus der Tasche ziehen möchte.

Gerade im Verkehrsrecht erzählen einem die Leute Geschichten, die so nicht der Wahrheit entsprechen können. Hierbei ist es wichtig die objektive Wahrheit herauszufinden, um sich die beste Verteidigungsstrategie für den Mandaten überlegen zu können. Denn was einem selbst unlogisch vorkommt, wird auch dem Richter oder Staatsanwalt nicht geheuer sein.

Im Bereich des Strafrechts wollen sich viele den Anwalt vorher sparen und beginnen so selbst dem Staatsanwalt auf sein Schreiben zu antworten. Meist verschlimmert sich hierdurch eher die Lage und am Ende bleiben die Mandanten auf höheren Kosten sitzen als ihnen lieb ist.

Ab und an besucht man auch mal einen Mandanten zuhause um sich ein Bild von der Lage zu machen. Zum Beispiel, wenn man eine Familie nach einem Wasserrohrbuch gegen eine Versicherung verteidigen muss. So ein Besuch bei fremden Leuten ist als Praktikant natürlich aufregend und man sieht wie vielfältig dieser Beruf eigentlich ist.

Besuche bei Gericht

Die andere Sache, die einem als Praktikant bald vertraut vorkommt, sind Besuche bei Gericht. Dies war für mich immer sehr spannend. Zu dem Zeitpunkt hatte ich zwar schon mein Gerichtspraktikum absolviert, jedoch konnte ich so besser sehen, was auf der Seite der Anwälte so vor sich geht. Vor dem eigentlichen Gerichtstermin hat man Einblick in die Akten bekommen und konnte sich so bereits im Vorfeld ein Bild vom Fall machen. Irgendwie fand ich es ganz cool, dass erste Mal eine Akte in der Hand zu halten und zu erfahren wie man damit arbeitet. Man kann die Schriftsätze nachlesen, welche sich die Anwälte gegenseitig zuspielen und in ihre Argumentationsstruktur eindringen. Wenn man sich länger hiermit beschäftigt, kann man einen Einblick gewinnen, wie sich so etwas aufbaut.

Nachdem Aktenstudium ging es los zum Gericht. Da meine Praktika im ländlichen Raum stattfanden, hatte ich meistens noch eine längere Autofahrt mit dem Anwalt vor mir. Auf dieser hat er mir meistens bereits vorab, Informationen über den jeweiligen Richter mitgeteilt. Mal war er glücklich hierüber, mal verärgert. Wie in Filmen sind manche für Ihre besondere Strenge bekannt.

Organisationstruktur

Weiter bekommt man in einer kleinen Kanzlei einen guten Einblick wie die Rechtsanwaltsgehilfen so arbeiten. Sie sind nicht nur für das Kochen von Kaffee zuständig, sondern müssen die gesamte Organisation im Auge behalten. Vor allem das im Blick halten von Fristen ist eine wichtige Aufgabe. Wenn ein Anwalt die Frist bei Gericht verpasst, ist meistens das Team schuld. Doch den Tadel vom Richter bekommt der Anwalt selbst.

Aufgaben während des Praktikums

Bei meinem ersten Praktikum beim Rechtsanwalt hatte ich lediglich die Rolle als Zuschauer eingenommen. Was ich im Nachhinein als sehr schade empfand, da man so weniger für das spätere Berufsleben mitnehmen kann. Bei meinem zweiten Praktikum hingegen war tatsächliche Mitarbeit erwünscht. Mir wurden Aufgaben zugeteilt, im Rahmen derer ich aktiv an Fällen mitarbeiten durfte. Hier sollte ich vor allem Gutachten vor dem eigentlichen Prozess schreiben, was mir manchmal ein wenig sinnlos vorkam. Der Sachverhalt war nie so klar definiert wie in der Uni und so hat sich im Verlauf immer wieder einiges geändert.  Jedoch war das Schreiben von Gutachten eine gute Übung für den universitären Stoff.

Die Weiterbildungen zum Fachanwalt

Einer der Anwälte, bei dem ich mein Praktikum absolvierte, ist Fachanwalt für Verkehrsrecht. Hierzu zeigte er mir, was man tun muss um seinen Titel als Fachanwalt zu behalten. Einmal erlangt, heißt nämlich nicht, dass man ihn, wie den eigentlichen Anwaltstitel, für immer behalten könne. Hierzu gehörten unter anderem, kleinere Videos mit einem anschließenden Test, um sich über die neuste Rechtsprechung und andere Änderungen auf dem Laufenden zu halten.

Vorteile

Vorteil an dem Praktikum in der kleineren Kanzlei war, dass ich im Gegensatz zu einigen von meinen Kommilitonen eben nicht Vollzeit zur Verfügung stehen musste. Ich hatte die Freiheit mir nur die für mich interessanten Aspekte des Berufsalltags anzusehen. Wenn nichts interessantes anstand, hatte ich auch mal einen freien Tag. Dies hat es mir ermöglicht, zugleich noch Hausarbeiten für die Uni zu schreiben. Weiterhin hat man einen engen Bezug zu dem jeweiligen Anwalt und kann sich jederzeit mit Fragen und Anliegen an ihn wenden.

Ich hoffe ich konnte helfen, die Entscheidung zu erleichtern, ob ein Praktikum in einer kleinen Kanzlei für dich Sinn macht.

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