Die Lerntypen der juristischen Ausbildung

In der juristischen Ausbildung dreht sich jahrelang alles um das Thema „Lernen“. Wie lerne ich richtig? Welche Methoden wende ich an? Wie komme ich sicher ans Ziel? Dabei stellt sich jeder auf seine Weise diesen Fragen und so haben sich verschiedene Lerntypen herauskristallisiert, die ich euch heute vorstellen möchte. Dabei hat die folgende Liste keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. 

Denken wir über das Lernen nach, fallen uns Juristen drei große Themengebiete ein: Karteikarten, Klausuren und Lehrbücher beziehungsweise Skripte. Insoweit besteht Einigkeit, die Diskussionen beginnen bei der konkreten Anwendung der Methoden.

1. Karteikarte

Sie gehören zum Standardrepertoire der juristischen Ausbildung. Jeder Jurastudent ist irgendwann mal mit ihnen in Berührung gekommen und auch im Referendariat erfreuen sie sich großer Beliebtheit. Nach der Intensität und der Art und Weise ihres Einsatzes lassen sich vier Lerntypen unterscheiden:

2. Der Klassiker

Dieser Lerntyp schwört auf Karteikarten. Handgeschrieben müssen sie sein und natürlich in einem Pappkarton in angenehmen Pastellfarben aufbewahrt werden, der sich harmonisch in das Schreibtischkonzept einfügt. Sind diese Bedingungen nicht erfüllt, zweifelt der Klassiker grundsätzlich an der Ernsthaftigkeit, mit der die juristische Ausbildung verfolgt wird und fühlt sich darüber hinaus in seinem ästhetischen Empfinden gestört. Es ist daher keine Überraschung, dass dieser Lerntyp sehr viel Zeit in die Erstellung und Pflege seiner Karteikarten steckt. Wieviel dieser Zeit dann auch in das tatsächliche Wiederholen der Karteikarten investiert wird unterliegt dabei großen Schwankungen.

3. Der Faulenzer

Handgeschriebene Karteikarten lassen diesem Lerntypen einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Für derartige Beschäftigungstherapien hat er keine Zeit. Zugegeben die vorgeschriebenen Karteikarten der einschlägigen Anbieter fügen sich häufig nicht ganz so angenehm in das Designkonzept und wirken gerade auf Fotos häufig wie Fremdkörper, aber der Faulenzer ist bereit dieses Opfer zu erbringen, bleibt ihm so doch viel mehr Zeit für die schönen Dinge des Lebens. Hin und wieder trifft man diesen Lerntypen etwas frustriert an, wenn er merkt, dass die Erarbeitung der Inhalte auf den Karteikarten in der Realität genauso viel Zeit kostet, wie das selber Schreiben.

4. Der Smarte

„Wir leben im 21. Jahrhundert!“ möchte der Smarte seinen Kollegen entgegenrufen, denn Karteikarten in Papierform sind für ihn schon längst passé. Er nutzt, smarter Jurist der er ist, sein Smartphone zur zeitsparenden Erstellung, Pflege und Wiederholung seiner Karteikarten. Natürlich alles verlustsicher abgespeichert in der Cloud. Dieser Lerntyp ist von seiner Strategie absolut überzeugt. Aus seiner Sicht hat diese Variante nur einen Wermutstropfen, wenn er mit seinem Handy in der U-Bahn Karteikarten lernt, ist für die Umstehenden nicht erkennbar, dass er sich gerade hochintellektuellen Fragen stellt. Die Lösung: Ein kurzer Anruf bei den Kollegen, um sie lautstark darüber zu informieren, dass man ja gerade mit dieser neuen App Baurecht lerne und schon ist die Welt wieder in Ordnung.

5. Der Rebell

Von Karteikarten hält der Rebell grundsätzlich nichts. An die schockierten Blicke seiner Kollegen, die dieser Aussage folgen, hat er sich inzwischen gewöhnt und auch der Faulenzer und der Smarte können ihn nicht von seinem Weg abbringen. Wie er es auch dreht und wendet, aus seiner Sicht sind Karteikarten pure Zeitverschwendung und der Mühe in keinem Fall wert. Damit ihm das Juralebensgefühl, das nicht zuletzt auch darauf beruht Eigentümer kleiner Karteikartenkartons zu sein, nicht ganz verloren geht, nutzt er diese zur Aufbewahrung von nützlichen kleinen Dingen, wie Stiften und Klebezetteln.

6. Klausuren

„Schreiben Sie Klausuren!“, diesen Satz hören wir seit wir mit dem Jurastudium begonnen haben in verschiedensten Ausprägungen und jeder von uns hat ihn sich unterschiedlich stark zu Herzen genommen.

7. Der Fanatiker

Das einzige wirkliche Motto dieses Lerntyps ist: Zu viel gibt es nicht! Egal, ob Klausurenkurs des Gerichts, Übungsklausuren der Arbeitsgruppenleiter oder der Klausurenkurs des Repetitoriums, wenn irgendwo fünf Stunden Bearbeitungszeit draufsteht, kann der Fanatiker nicht anders, als dem Wunsch nachzugeben, diese Klausur zu bearbeiten. Dies führt zu einem Leben zwischen Deadlines, geprägt von Nachtschichten, verzweifelten Suchen von Briefmarken und nächtlichen Sprints zur Post. Dabei erkennt der Fanatiker die Ersteller der Klausuren nach einiger Zeit an der Wahl ihrer Themen und Namen für die Beteiligten. Die Nacharbeit der Klausuren bleibt dabei häufig auf der Strecke, aber gäbe es einen Preis für die meisten geschriebenen Seiten, dieser wäre ihm sicher.

8. Der Rosinenpicker

Dieser Lerntyp hat sich die Rosinentheorie des BGH zum Lebensinhalt gemacht. Er pickt sich nur ausgewählte Klausuren heraus. Je nach Motivationslage des Rosinenpickers erfolgt die Auswahl anhand von Lieblingsgebieten oder Wissenslücken. Die Zeit, die der Wählerische so spart,  investiert er wahlweise in ein ausgeprägtes Privatleben, von dem der Fanatiker nur träumen kann oder im Idealfall in die intensive Nacharbeit seiner geschriebenen Klausuren.

9. Der Totalverweigerer

Dieser Lerntyp ist auch unter der weniger verbreiteten Bezeichnung des Spätzünders bekannt. Diese Bezeichnung erfasst jedoch nicht alle Ausprägungen des Totalverweigerers und wird aus diesem Grund hier nur informativ genannt. Der Totalverweigerer schreibt grundsätzlich keine Klausuren. Zum einen habe er dazu keine Zeit und eine vernünftige Nacharbeit sei Wochen später bei Rückgabe der Klausur sowieso nicht möglich. Zum anderen macht er grundsätzlich nichts, was ihm (zu häufig) gesagt wird. In der Ausprägung des Spätzünders wandelt sich diese Haltung kurz vor dem Examen in die des Fanatikers und kommt häufig in Begleitung von schmerzhaften Sehnenscheidenentzündungen. Diese treten übrigens auch beim Fanatiker auf, nur dass dieser das Konzept des Schmerzes in der Hand schon Monate vor dem Examen hinter sich gelassen hat.

10. Lehrbücher und Skripte

Es ist der ewige Streit, was für die Examensvorbereitung besser ist. Die eine Ansicht schwört auf Skripte, während die andere auf Lehrbücher setzt. Die vermittelnde Ansicht ist in unserem Fall nicht von allem ein bisschen, sondern Alles.

11. Der Staubsauger

Der Staubsauger, die vermittelnde Ansicht im ewigen Streit der Gelehrten. Er entzieht sich der Entscheidung, indem er jedes Lehrbuch und jedes Skript kauft, dass er zum jeweiligen Thema finden kann. Diese landen dann entweder als Staubfänger im Regal oder werden tatsächlich in minutiöser Kleinstarbeit gelesen. Im letzteren Fall kann der Staubsauger jedes juristische Gespräch mit dem Satz „Ach, das hat doch auch der [unbekannten Autor juristischer Lehrbüchern einfügen] auf Seite 50, Randnummer 326 in seiner vorletzten Auflage gesagt“ aufwerten und erntet damit regelmäßig eine bunte Mischung aus Bewunderung und verdrehten Augen.

12. Der Literat

Der Literat, der Feingeist unter den Juristen. Kein Lehrbuch ist ihm zu dick, keine Seitenzahl zu groß. Kurzskripte lösen in ihm nur ein mildes Lächeln aus, bei dem er aufpassen muss, dass ihm die Pfeife nicht auf den Ohrensessel in seiner Bibliothek fällt. Ein Buch, dass nicht mindestens 300 Seiten hat, kann aus seiner Sicht kein juristisches Wissen vermitteln. Handelt es sich um einen fortgeschrittenen Literaten, hat er selbstverständlich auch die gesamte Kommentarliteratur durchgearbeitet.

13. Der Zeitsparer

Ist der Literat der Feingeist, so handelt es sich beim Zeitsparer ganz klar um den Pragmatiker der Juristen. Er denkt sich: Wenn ich ein Skript zum Strafprozessrecht lesen kann, dass 250 Seiten hat und dort alles examensrelevante drin steht, warum sollte ich dann 500 Seiten lesen. Aus seiner Sicht sind Lehrbücher allenfalls Nachschlagewerke, die in der hintersten Ecke des Bücherregals stehen und nur dann hervorgeholt werden, wenn das Internet mal ausfällt und auch dann nur unter Protest. Je kürzer das Skript, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass der Zeitsparer es sich kauft.

Fazit

Es gibt unzählige Herangehensweisen, um die Fülle an Lernstoff zu bewältigen. Aus meiner Sicht hat jeder Lerntyp die gleiche Wahrscheinlichkeit das Examen zu bestehen, denn es gibt ihn nicht, den einen richtigen Weg. Das Wichtigste ist den für sich richtigen Weg zu finden und dabei den Mut zu haben das eigene Lernen immer wieder zu hinterfragen und nötigenfalls umzustellen. Dabei können ausgetrampelte Pfade eine Hilfe sein, sollten uns aber nicht davon abhalten auch einmal querfeldein zu laufen.

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